Zum Joßen gehoren,
Zum Ichauen Hestellt. Goethe.
IHERORETISCHER TEIL.
Die Kunst ist kein Luxusgegenstand, etwa wie ein EEml prãchtiges Silbergeschirr, nur dazu bestimmt, die Tafel — unseres Lebens zu schmücken. Sie ist auch keine
angenehme Beschäftigung für müßige Stunden. Das alles ist sie natürlich auch, aber nur nebenbei.
Die Kunst ist zwar nur ein Spiel, aber kein unnütz tändelndes Spiel, kein äußerlich hinzugefügtes Ornament des Lebens, das ebensogut auch wegbleiben könnte.
Sie ist vielmehr eine fast unentbebrliche Ergänzung unseres un- vollkommenen Daseins. Es gibt eine Menge Anschauungen und Gefühle, die der gewöhnliche Kulturmensch, besonders in der Großstadt, unter den gegenwärtigen Verhältnissen überhaupt nicht erleben kann. Da tritt die Kunst in die Lücke ein. Sie hat sich der Mensch geschaffen und schafft sie immer neu, um wenigstens im Spiele der Phantasie zu erleben, was ihm Natur und Wirklichkeit versagt hat.? Der Künssler blickt tief hinein in das Wesen und die Seele dieser Welt. Ihm enthüllt sie ihr Geheimnis, er ist der Zauberer, der uns mit der Wünschelrute seiner Kunst ungeahnte Schönheiten erschließt.
So ist die Kunst Leben im Leben, Steigerung und Vertiefung des Lebens. Aber sie ist noch mehr, sie ist auch ein erzieherischer Taktor ersten Langes. Sie ist vor allem geeignet, unser Gemüt, unser Herz, unsere Phantasie zu bilden, zu kräftigen und zu vertiefen.
Sie erst ermöglicht jene harmonische Bildung, deren hehres Ziel von jeher darin besteht, neben den Kräſten des Verstandes auch die Kräſte des Gemüts und des Willens zu freier Entfaltung zu bringen. Denn sie übt unsere Beobachtung, stärkt Auge und Ohr, belebt unsere Phantasie und löst neue Empfindungen, ungekannte Gefühle in uns aus.“ Werden doch alle Kräfte in uns geweckt, denen das Kunstwerk seine Entstehung ver- dankt. Dadurch wirkt die Kunst mittelbar auch auf unsere Willens- und Charakterbildung, denn die Gefũhle sind die Elemente aller Willensbildung
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