Druckschrift 
2 (1862)
Entstehung
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diese ganz gewöhnliche Bedeutung ist hier völlig an ihrem Orte. Brutus versichert seinem Lehrer und Meister: wenn auch in den Kriegszeiten der Gegenwart die Redekunst weder Ruhm noch Vorteil bringe, so solle ihn diese Erfahrung doch nicht der Redekunst entfremden; er finde in dem Studium der Beredsamkeit und der mannigfachen allgemeinen Vorbildung zum Redner hinlängliche Befriedigung. Das ist aber nicht etwa das Studium der elementaren Schul- rhetorik, sondern das Studium der Geschichte, der Literatur und Kunst, des Rechtes u. s. W., also die Beschäftigung mit den wahren Progymnasmata für den Redner. Denn der Satz steht fest: ein guter Redner ist Niemand, der nicht eine tüchtige Bildung besitzt. Wer sich daher mit der wahren Beredsamkeit beschäftigt, trachtet eben damit nach Erwerbung or- dentlicher Kenntnisse wie diesz Cicero in den Büchern de orafore so oft und nachdrücklich hervorhebt*) und Sachkenntnis(setzt Brutus mit offenbarer Beziehung auf die vielen durch Cäsars Siege beförderten Emporkömmlinge hinzu) kann Niemand(auch ein Cäsarianer nicht), selbst in den grösten Kriegen nicht entbehren, wenn er nicht in steter Unruhe schweben soll. So treibe ich also(meint Brutus) auch für den Fall, wenn die nächste Zukunft mich zum Kriege riefe, mit dem Studium der Beredsamkeit nichts unnützes, sondern bereite mich, so zu sagen, dadurch zugleich zum kundigen Feldherrn vor. Cicero legt diese treffenden Worte gerade hier mit Absicht seinem Brutus in den Mund, um der in Folge der Bürgerkriege ein- reiszenden Geringschätzung wiszenschaftlicher Beschäftigung zu wehren und dem Vorurteil ent- gegenzutreten, als liesze sich tüchtiges Studium mit dem Kriegshandwerk nicht vereinigen. Natürlich macht es dabei eben der Doppelsinn von prudentia als ‚Sachkenntnis und Klugheit- möglich, den Gedanken in der angegebenen Weise auszusprechen. Dasz er aber sagt ne ma- eimis quidem in bellis hat seinen guten Grund: in den groszen Kämpfen, meint man leicht, ent- scheiden nur die Heeresmaszen und das Kriegsglück; aber in Warheit kommt es auch hier auf die prudentia des Anführers an. Ebenso ist aequo animo gleichfalls mit gutem Vorbedacht hin- zugefügt: nur der, welcher mit Planmäszigkeit und Feldherrnkenntnis die Schlacht leitet, kann einigermaszen ruhig sein; wer alles auf den Zufall, das Glück(oder auch allein auf die ma- terielle Uebermacht) baut, musz in steter Unruhe schweben.

Doch genug; der Widerlegung der übrigen Interpolationsannahmen(besonders, dasz das ganze Stück von 11, 44 sed tum fere Pericles bis 13, 52 sed de Graecis hactenus nicht von Cicero herrühre) kann ich mich um so eher überheben, als in meiner so eben erscheinenden Ausgabe des Brutus die erhobenen Einwürfe, wenn auch mehr indirect durch richtige Erklä- rung der betreffenden Stellen, die nötige Berücksichtigung gefunden haben.

*) Vgl. besonders III 30, 121 non enim solum acuenda neque procudenda lingua est, sed onerandum com- plendumque pectus maximarum rerum et plurimarum suavitate copia varietate.