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Als eine der Stellen, an denen man bisher, ohne nur den geringsten Anstosz an der über- lieferten Lesart zu nehmen, vorübergegangen ist, musz Brut. 54, 200 betrachtet werden: Itaque intellegens dicendi eæistimator non assidens et atlente audiens, sed uno aspectu et praeteriens de orutore saepe iudicat. Videt oscitantem iudicem, loquentem cum allero, nonnumçuam eliam cir- culantem, mitlentem ad horas, quaesitorem ut dimittat rogantem: intellegit oratorem in ea causa non adesse, qui possit animis iudicum admovere orationem lamquam fidibus manum. Idem si praeteriens aspexerit erectos intuentes iudices, ut aut doceri de re idque etiam vultu probare videantur, aut ut arem cantu aliquo sic illos viderit oralione quasi suspensos leneri, aut id quod maæime opus est misericordia odio molu animi aliquo perturbalos esse vehemenlius, ea si praeteriens ut diæi aspexe- rit, si nihil audiverit, tamen oralorem versari in illo iudicio et opus oratorium fieri aut perfectum iam esse profecto intelleget.
Cicero meint, für den echten Kenner der Redekunst bedürfe es bei der öffentlichen Ge- richtsverhandlung nur eines flüchtigen Blicks auf die Geschworenen, an die der Redner seine Worte richtet, um sofort ein sicheres Urteil darüber zu gewinnen, ob ein wirklich bedeutender Redner aufgetreten sei oder nicht. Gähnt der Richter vor langer Weile, schwatzt er mit einem seiner Collegen, steht er vom Platze auf oder fragt er nach der Uhr und bittet den Vorsitzen- den, doch die Sitzung zu schlieszen: so ist das ein sicheres Zeichen, dasz hier ein Redner. der Gewalt über die Geister habe und die Seelen seiner Zuhörer behersche, wie der Meister im Spiel die Saiten seines Instruments, gewislich nicht rede. Bemerkt er dagegen an den Rich-
tern keinerlei Zeichen von Unaufmerksamkeit, Teilnahmlosigkeit und Gleichgültigkeit, sieht 1


