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[Beginn] (1861)
Entstehung
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Zur

Geſchichte der Stadt Alsfeld.

Von Dr. W. G. Soldan.

I. Die Entſtehung der Stadt. 1. Die Fabel.

Kleinen wie großen Städten, deren Entſtehungszeit nicht durch ſichere Nachricht feſtſteht, ſchmeichelt es, ihren Urſprung in ein möglichſt hohes Alter hinaufgerückt zu ſehen. Dem Ernſte der Geſchichte können die Aufſtellungen der Localpietät nicht zum Führer dienen. Sie beruhen bald auf Mißverſtändniſſen, bald auf willkürlicher Combination. Einmal aber aufgenommen und verbreitet, gewinnt auch ſelbſt das Fabelhafte das Gewicht der Tradition und wird mit Liebe von denjenigen feſtgehalten, die da, wo überhaupt noch nichts vorhanden iſt, ſich lieber an Phantaſiegebilden vergnügen als bekennen wollen, daß eben noch nichts Wirkliches da iſt. Auch in der Geſchichte der Stadt Alsfeld hat ſich dieſe Erſcheinung geltend gemacht.

Als man ſchreibet nach Gottes Geburt 298 Jahre, da ward Alsfeld in Weſtdüringen gebauet, ſo ſchreibt Wigand Gerſtenberger in ſeiner thüringiſch⸗heſſiſchen Chronik ¹), und es war ſogar ſeine Abſicht, dem Texte eine Abbildung dieſer Erbauung beizugeben. Gerſtenberger(geſtorben zu Frankenberg 1522) bietet bekanntlich für die ihm näher gelegene Zeit manche ſchätzbare Nachricht, für die ältere aber erzählt er mit großer Argloſigkeit eine Menge des Abenteuerlichſten. So z. B. läßt er zu des Kaiſers Auguſtus Zeiten die Burgunder viele Burgen am Rhein bauen und von dieſem Burgenbau ihren Namen erhalten; Mainz iſt nach ſeinem Berichte 1087 Jahre v. Chr. von einem Trojaner Moguntinus erbaut; ein anderer Trojaner, Priamus der Jüngere, zieht erſt eine Zeitlang in der Lombardei umher, kommt dann an den Rhein, baut Bonn und Xanten und nennt das dortige Land Franken; 780 zieht Karl d. G. über's Meer und gewinnt Paläſtina mit Jeruſalem und dem heil. Grabe u. ſ. w. Wir erwähnen dieſe Züge nur deswegen, um einen Chroniſten zu charakteriſiren, der nicht nur aus Heſſen ein nie dageweſenes Weſtthüringen macht, ſondern auch ohne den mindeſten Beleg das Gründungsjahr einer Stadt angibt, von deren Exiſtenz noch auf Jahrhunderte hin keine Spur vorhanden iſt und von welcher

¹) Ayrmann, Sylloge anecdotorum pag. 48.