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die Phantasie hier alles in naivem Sinnen zusammengereimt hat, nur geringe Dehnbarkeit; Völker, die als Himmelsbild sich diese Verwandtschaft zurechtgedacht haben, finden sich mit der Tat- sache ab, daß jeden Tag die Sonne die Kinder ihrer Gattin = des Monqdes, verschlingt, letztere aber jeden Abend neuen Kindern das Leben schenkt und mit ihnen am Himmel einher- zieht, bis des Morgens der grausame Vater diese wieder auffrißt. Oder die Mondmutter flieht mit ihren Kindern vor dem auf- stürmenden Sonnenvater ins Meer. Auf neue Bahnen wird aller- dings das Denken gerückt, wenn diese Kinder wirklich in der Nacht so schnell heranwachsen, daß sie des Morgens einen Kampf mit ihrem Vater aufnehmen. Die Wintersonne und ihre völlige Kraftlosigkeit ruft dann neue blühende Ideen in dem Kopfe des Naturmenschen auf: da hat der Mond ganz besonders helden- hafte Kinder geboren, die dem bösen Tagestyrannen so hart zu- gesetzt haben, daß er sterbend und elend wird, bis er zuletzt tot zur Erde sinkt. Mit welcher Konsequenz dieses ausgedacht wer- den kann, zeigt uns die Verbindung des Sternsonnenkampfes mit Gebet, Opfer und symbolischen Kämpfen in Mexiko. ¹⁰⁴)
Neben dem Mondkindmotiv findet sich auch die Deutung der Sterne als Frauen des Mondes;¹*³) auch diese Idee hat der Vergleich des bescheidenen Glanzes der Sterne mit dem starken großen Lichte des Mondes geschaffen. Die Phantasie begnügt sich hierbei allerdings mit dem einfachen Konstatieren des himm- lischen Harems, die großen Sterne sind die Frauen, die matten die Kinder dieses orientalischen Eheherren.
Auf gleicher Stufe steht die völlige Ausschaltung von Sonne und Mond aus dieser himmlischen Bevölkerung, nämlich die Auffassung der hellen Sterne als Erwachsene— Männer und Frauen— der dunkleren und kleineren als ihre Kinder oder die Auslegung der Farbe, Größe und Strahlen als Armut und Reich- tum, Krankheit oder Gesundheit der Bewohner des jenseitigen Landes. Wenn der Gedanke zuerst ausgedacht wird, wird über ihre Herkunft und ihren Verbleib während des Tages zunächst noch keine Nachforschung angestellt: Völlig abgeschieden von der unteren Welt, ohne jeglichen Verkehr mit den Irdischen fristen sie ihr Leben in der überirdischen Welt. Sie haben so wenig Interesse für die Menschen, wie die Wilden Australiens etwa für die Naturvölker Amerikas. Aber ihre Lebensweise ist völlig dieselbe, wie die der Menschen.
1⁰4) K. Th. Preuß a. O.= Globus 87 S. 136 ff.
105 A. Hillebrandt, vedische Mythologie I 397.— In ähnlichem Sinne heißt der Venusstern die Gattin oder Geliebte des Mondes; s. Revue des trad. popul. XXI(1906) 232.


