Es gilt eine mühsame Wanderung einen Berg hinauf über schlafende Jahrhunderte und Völker hinweg, wenn wir der ver- schiedenartigen Entwickelung nachspüren wollen, die der mensch- liche Geist vom kindlich phantastischen Herumtasten bis zum starken Mannesschritt des Forschers und Denkers in der Gestirn- beobachtung gemacht hat. Der Berg, den wir emporsteigen, ist die geistige Entwicklung der Menschheit. Unser Weg führt uns durch Astronomie, Astrologie und Astrognosie hindurch durch weite, räumlich und zeitlich, kulturell und religiös mit- unter völlig zerklüftete Gebiete. Er gibt uns dabei des öfteren Ausblick in unsere Zeit und zeigt uns, daß in unserem Sprach- schatze Geröllmassen liegen, die verwittert und leblos im Laufe der Jahrhunderte geworden sind; ein Hlammerschlag zeigt uns, daß sie aus ganz bestimmten Gesteinsschichten herabgebröckelt sind, die sich auf unserer Wanderung als breite, zusammen- hängende Bestandteile in dem Berg offenbaren. Unsere gang- baren Bezeichnungen des gestirnten Himmels wie Stern— Stern- schnuppe— Komet— Milchstraße— Abendstern oder Venus — Wagen oder Bär— Hund oder Sirius— Plejaden oder Gluck- henne— Orion oder Rechen sind für uns an sich völlig inhalt- lose Namen, ihren tatsächlichen Urbestand werden wir auf un- serer Wanderung erkennen können. Wir werden aus ihnen feststellen können, wie sie in der psychologischen Entwickelung der Menschheit dereinst wertvolle Bestände einer für unser mo- dernes Denken versunkenen Weltanschauung gewesen sind.
1. Kapitel. Die naiven Anschauungen.
§ 1.
Die Sterne und der Himmel bestehen aus festem,
leblosem Material.)
Um den Entwicklungsprozeß der Sternendeutung verfolgen zu können, müssen wir zugleich die ursprünglichste Himmels- vorstellung berücksichtigen. Für das Kind und für den Natur- menschen, der geistig auf gleicher Stufe steht, gibt es keinen
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