Da die Gymnasien hauptsächlich zu den Universitätsstudien vorbereiteten und ihre Schüler auf den Weg der gelehrten Bildung wiesen, trat in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts ziemlich allgemein das Bedürfnis hervor, auch solche Schulen zu besitzen, in denen die Erlangung der für das praktische Leben unmittelbar nötigen Kenntnisse mehr in den Vordergrund gestellt werde. Die Gymnasien hatten das geistige Leben der Kulturvölker des klassischen Altertums, ihre Sprache und ihre Geschichte zum Mittelpunkte ihres Unterrichts gemacht und arbeiteten zugleich auf das Verständnis des Zusammenhanges hin, der zwischen der deutschen Litteratur und der Litte- ratur der Griechen und Römer besteht. Neben dieser ihrer Hauptaufgabe sahen sie sich aber auch genötigt, in ihrem Lehrplane der Mathematik und den ‚Naturwissenschaften, überhaupt der modernen Bildung Zugeständnisse zu machen. ad; en%
Diese Zugeständnisse reichten jedoch für’ AR: erweiterken Bedürfnisse des praktischen Lebens nicht aus. Die vervollkommneten.-Verkehrsmittel hatten” n sp wendigerweise eine stärkere Betonung der neueren Sprachen zur Folge. Der Aufschwung des'g’erblichen Lebens, des Handels und der Industrie verlangte die mannigfaltigsten technischen Vorkenntnisse. Dazu kam, dass viele Schüler der Gymnasien, die sich den Universitätsstudien‘ nicht, ‚widmen, wollten, im 14. oder 15. Lebensjahre aus den mittleren Klassen dieser Anstalten austraten.“. aus‘einen gewerblichen oder kaufmännischen Beruf zu ergreifen. Diese Schüler hatten das‘Wesentliche der Gymnasialbildung nicht nur nicht in sich aufgenommen,-sie-hatten. sich sogar- diejenigen Kenntnisse in den Realien, deren sie zu ihrem praktischen Berufe unmittelbar bedurften, nicht in ausreichendem Masse aneignen können. Durch die Gründung ‚der Realschulen sollte nun dieser Übelstand beseitigt, Sollte diese Lücke ausgefüllt werden.
Wenn nun auch das praktische Bedürfnis weiter Bevölkerungskreise die erste Anregung zur Gründung. der Realschulen gegeben hat, so haben diese Anstalten doch den einseitigen Nützlichkeits- standpunkt nie eingenommen, sondern sie haben die verschiedenen Interessen des praktischen Lebens zur höheren Einheit eines erziehenden und allgemein bildenden Unterrichts zusammengefasst und ihren selbständigen Entwickelungsgang neben den Gymnasien eingeschlagen. Eine weitere Betrach- tung. dieses Entwickelungsganges, die Einstellung der lateinischen Sprache in den Lehrplan der Real- schulen, die Gründung der Realgymnasien sowie die heutigestags im ‚Vordergrunde der Erörterung stehende Frage der Zulassung der Realschulabiturienten zum Universitätsstudium gehört nicht in den Rahmen der vorliegenden Arbeit.
Um die Mitte. der dreissiger Jahre wurde auch in unserem engeren Vaterlande Hessen die Errichtung von Realschulen ins Auge gefasst, nachdem kurz zuvor unser Volksschulwesen eine völ- lige Umgestaltung erhalten hatte. Zunächst sind die drei Provinzialrealschulen in Darmstadt, Mainz und Giessen zu nennen. Sie, waren in je vier, Klassen abgeteilt und ‚unterrichteten nach einem, im wesentlichen gleichen Plane. Ihre Gründung war vom Staate ausgegangen, und für jede dieser drei Schulen war ein Staatszuschuss von 3000 Gulden jährlich verwilligt worden, um auch von seiten des
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