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nigen nicht; ich bildete mir ſogar ein, doch dies konnte eine Illuſion ſein, daß dieſer Druck mir erwiedert werde, da ſie mir den ſo erſehnten Strauß überließ. Doch wie ſehr kann ein gleichgültiger Umſtand den Lauf unſerer Gedanken und Gefühle verändern! Sobald der Wagen ſich entfernte, drückte ich die Blumen an meine Lippen, und ihr Wohlgeruch erin⸗ nerte mich an den Strauß, den Lady Marie hatte fallen laſ⸗ ſen, die liebenswürdige, die unglückliche Lady Marie, und an alle die Gefühle, die jener Abend in mir hervorgerufen hat. Lady Marie, dachte ich, hätte mir ihren Strauß nicht gegeben. Ich hätte es nie gewagt, ihr einen profanen Wunſch in die keuſchen Ohren zu flüſtern; wäre ihr Auge dem Feuer meiner Augen begegnet, ſo würde ſie nie zärtlich darauf geantwortet haben. Nein, nein, Marie war eine eben ſo reine und flecken⸗ loſe, als reizende Frau.
Dieſe Gedanken gewannen die Herrſchaft über meinen Geiſt; ich warf den Strauß mit Verachtung fern von mir, denn diejenige, welche ihn mir gegeben, hatte durch dieſe Ver— gleichung mit Lady Marie ſo viel verloren, daß ihre Macht über meine Einbildungskraft zu Ende war, und daß ich mich ſelbſt verachtete, weil ich ihrem Zauber nachgegeben. Wenn die Frauen wüßten, wie viel ſie von ihrer Herrſchaft durch ihre Schwäche oder durch ihre ſtrafbaren Einräugungen berlieren, ſo würde die Politik die Beſcheidenheit ergänzen, und die Män⸗ ner fänden nicht ſo oft eine leichte Nahrung für ihre unred⸗ lichen und ihre außerordentliche Eitelkeit*).
verſprechen den Leſern noch einige Mittheilungen aus dieſem Novellen⸗Cyklus. 4 Anm. der Redaction.
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