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die Treppe am Dogenpalaſt Rieſentreppe nennen.... dieſe Meiſter in der Kunſt des Aufſchneidens!
Mein Gondolier rieth mir, ein wenig die Bacchanalien mit anzuſehen, während er nach dem Judenkirchhof eilte, wo ihn ein galantes Stelldichein erwartete. Ich folgte einer Truppe von tollen Mädchen, welche tanzluſtig ihren weinſeligen An⸗ betern riefen, die einige Korbflaſchen tapfer im Ring herum kreiſen ließen. Die armen Verlaſſenen hatten gut rufen: ihre treuloſen Galans hatten nur noch Küſſe für ihre Flaſche; und doch waren ſie ſchön, denn ſie waren jung und fröhlich. Paul Veroneſe und Varotari hätten ihre Augen an dem herrlichen Anblick
der wallenden Haare, der blitzenden Augen, der kecken Schultern
geweidet.
Welch' eine Fülle von Leben und Wolluſt! Es fehlte ihnen nur der Epheukranz. Ihre Kleidung beſtand in einigen koketten Lumpen; am Halſe und an den Fingern trugen ſie Glasſchmuck von Murano; Jugend und fröhliche Luſt war ihre größte Zierde.
Plötzlich wurden ſie von einem Schwarm anderer Tänzer zerſtreut, die als über eine neue, friſche Beute über ſie her⸗ fielen, wie etwa die römiſche Jugend ſich der Sabinerinnen be⸗ mächtigte.
An eben dieſem Abend befanden ſich etwa zwei⸗ bis drei⸗ tauſend Venetianer auf dem Lido, um die Bacchanalien theils mitzumachen, theils anzuſehen. 3


