236 Eine Wallfahrt zu den klaſfiſchen Stellen des Vierwaldſtädterſee's.
deſſen der Dampfer, der dort geplätſchert kommt, nach Wäggis bringen. Ein Spaziergang um den Südfuß des Rigi führt uns von dort nach Küß⸗ nacht, bevor die hohle Gaſſe vom flinken Gemsjäger oder dem berittenen Vogt, die den Berg nördlich umgehen müſſen, erreicht wird.“ Der Doctor ging in meinen Vorſchlag ein. Das Schiff war dicht beſetzt mit Ladies, welche braune Strohhüte trugen und Feldflaſchen umgehangen hatten, und Gentlemen mit Lorgnetten im Augwinkel und buſchigen Backenbärten. Sammt und ſonders ſchienen ſie auf dem See ſehr ſchlecht orientirt zu ſein. Bald entdeckten ſie das Rütli am Fuße des Sitznauerſtocks, bald die Tells⸗ platte an der„untern Naſe;“ Gerſau wurde von einem dicken Lord hart⸗ näckig für Bürglen ausgegeben, während ſeine blaſſe, blonde Tochter Küßnacht und die hohle Gaſſe am Fuße des Pilatus ſuchte. Es wäre eine zu beſchwerliche Aufgabe geweſen, all dies Touriſtenvolk belehren zu wollen; wir überließen es deßhalb ſeinen Illuſionen und begnügten uns dazu ganz anſtändig auf den Stockzähnen zu lachen, nämlich der Doctor und ich, während mein Jüngling zu wiederholten Malen in ſein Sacktuch beißen mußte, um nicht in eine allzu ungeheure Heiterkeit auszubrſchen. In Wäg⸗ gis zog der große Schwarm alſogleich Rigikulmwärts, während wir andern drei Pilgrime den ſelten begangenen Pfad nach Greppen einſchlugen. Kaum findet ſich ein Erdenwinkel ſo freundlich, ſo heimlich und an⸗ muthig, als die Landzunge von Wäggis und das öſtliche Ufer des Seearms, der ſich gegen Küßnacht erſtreckt. Smaragdgrüne Matten ſind von Kirſch⸗ bäumen mit dunklem, glänzendem Laub und hellen, glatten Stämmen um⸗ ſäumt, während da und dort der hohe Giebel eines ſaubern rothbraunen Bauernhauſes mit glitzernden Fenſtern aus einem Hain rieſiger Birn⸗ und Nußbäume herausſchaut. Kaſtanienbäume mit ſtachlichten Früchten bedeckt begrenzen die Höhen, und nicht ſelten verleiht ein Feigenbaum, der in einem ſonnigen Gärtchen ſteht, dem Landſchaftsbild einen warmen ſüdlichen Ton. Und all dieſe Herrlichkeit liegt einſam und abgelegen von der großen Tou⸗ riſtenheerſtraße, kaum je von einem neugierigen Reiſenden betreten. Deßhalb iſt alles noch ſo unberührt, urſprünglich und jungfräulich auf dieſem glück⸗ lichen grünen Streifen Erde,— keine halb hochdeutſch und halb wälſch ſchwatzenden Fremvenführer, ſondern ächte Bauern und Sennen,— keine eleganten Hotel, ſondern ſtattliche Bauernhäuſer, wie das des Stauffacher war, das den Neid des Vogtes reizte. Die ſinkende Sonne warf goldene Streiflichter über die Matten und


