230 Eine Wallfahrt zu den klaſſiſchen Stellen des Vierwaldſtädterſee's.
thüre zu öffnen, die jedoch ſeinen Anſtrengungen hartnäckig widerſtand. „Die Art im Haus erſpart den Zimmermann, zuweilen aber auch den Schloſſer; da wir jedoch keinen ſolchen Dietrich zur Hand haben, ſo bleiben wir hübſch draußen,“ bemerkte er ärgerlich.„Der Schlüſſel iſt drüben im Wirthshaus,“ rief da eine Stimme von der Gaſſe,„'s choſt es Fränkli.“
Dieſe proſaiſche Bemerkung wirkte freilich gleich einem kühlen Sturz⸗ bad auf unſere hochgeſtimmten Gefühle. Einmal jedoch von dem Sturz aus dem obern Stockwerk der Begeiſterung in das Parterre der Wirklichkeit uns erholt habend, fanden wir den Gedanken an die Möglichkeit uns nach un⸗ ſerem Mittagsſpaziergang an einer Flaſche kühlen Weins zu laben, durch⸗ aus nicht unpraktiſch.
Der Gaſthof„zum Wilhelm Tell,“ jenes ſtattliche Haus mit dem Balkon und den vielen Fenſtern, war keineswegs gleich der Kapelle ver⸗ ſchloſſen, ſondern gaſtlich geöffnet. Ein kühler, luftiger Saal öffnete ſich uns und bald perlte dunkelrother Italienerwein vor uns in den geſchliffe⸗ nen Gläſern.
Ueber die grünen Vorberge jenſeits Attinghauſens ſchauten ernſthaft die dunklen Felſen und weißen Schneefelder des Blackenſtocks und des Uri⸗ rothſtocks, über welche einſt der Tell den Gratthieren nachgeklettert. Vor den Fenſtern rauſchte fort und fort der Schächen bald in höhern, bald in tiefern Tönen, als ſuchte er träumend nach der Weiſe eines alten verklunge⸗ nen Liedes. Im Saale war es ſtill und kühl und dämmerig. Was Wunder, daß der Tell, der mit der Armbruſt und dem Knaben auf der Wand gemalt war, zuletzt aus ſeinen Rahmen heraustrat und ſich zu uns ſetzte, zum kühlen rothen Wein.„Wir ſollten ihm doch erzählen, wie es jetzt ſtehe um's liebe Vaterland? Ob mit den Nachbarn Frieden ſei? Ob in Zürich Bür⸗ germeiſter Brun noch immer Meiſter ſei? Und ob das junge Bern dem üechtländiſchen und aargauiſchen Adel die alten Raubneſter bald alle ver⸗ brannt und geſchleift habe?“—„Wo er wohl die letzten fünfhundert Jahre ſich aufgehalten, fragte ich unſern unerwarteten Gaſt, daß er in der Politik ſo wenig bewandert? Ob er denn nicht in den Zeitungen geleſen, daß man jetzt nicht mehr mit den Waldſtätten, ſondern mit den Teſſinern einen Span habe?“—„Ob es dort ſchon zu einer Schlacht gekommen,“ fragte Tell. „Dieſes weniger, man ziehe jetzt nicht mehr wie bei Morgarten mit Mor⸗ genſternen in's Feld, ſondern mit diplomatiſchen Noten, wobei wenig Blut verſpritzt werde, dagegen deſto mehr Tinte. In Zürich ſei jetzt Bürgermeiſter


