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Von Alfred Hartmann. 223
Sonſt iſt es Sitte, ein Sträußchen Alpenroſen als Andenken vom Rütli mitzunehmen. Alljährlich werden viele Körbe voll in den Brieftaſchen der Touriſten ausgeführt, um ſpäter in irgend einem eleganten Album als intereſſante Reliquie einen Ehrenplatz einzunehmen. Leider war das Rhodo- dendron hirsutum jetzt hie unten längſt verblüht, was jedoch die Söhne und Töchter des Rütli in ihrer Induſtrie keineswegs irre machte, da ſie uns nun Sträußer von Georginen, Nelken und Lepkoien als Erinnerungszeichen zum Kauf anboten.„Eine Georgine als Andenken an's Rütli,— der Ana⸗ chronismus wäre doch zu himmelſchreiend,“ meinte der Doctor und pflückte ſich dafür ein beſcheidenes Maßlieb vom Straßenrand. Mein Jüngling aber hob etliche Birnen aus dem Graſe auf, jedoch nicht etwa, um dieſes auf der heiligen Stätte gewachſene Obſt als Reliquie aufzubewahren, ſondern um es ohne weitere Förmlichkeit zu verſpeiſen. Die Controverſe zwiſchen dem Doctor und mir war noch nicht geſchlichtet, als wir endlich dem Drän⸗ gen unſerer Schiffer nachgeben mußten, welche den Morgenwind benützen wollten, ihren Rudern und Armen das Geſchäft zu erleichtern.
An dem„hohen Felſenufer,“ dem entlang wir nun ſegelten, ſpielt die erſte Scene des Tell; hier„lächelt der See und ladet zum Bade;“— von hier ſahen auch wir quer über dem See die„Dörfer und Höhen von Schwyz in hellem Sonnenſchein liegen“— und„im fernen Hintergrund die hohen Eisberge.“ Dagegen war uns freilich nicht möglich,„die Spitzen des HBacken mit Wolken umgeben“ zu entdecken, da, ſeit Schiller ſeinen Tell geſchrieben, die Frohnalp mit ihrem breiten Rücken etwas ungenirt ſich davorgeſtellt hat.
Wo der Urirothſtock ſeinen letzten Ausläufer bis an den See hinaus treibt, iſt eine abſchüſſige Weide, einſamer und wilder als das Rütli, einer⸗ ſeits vom Waſſer, auf den drei andern Seiten von faſt unerklimmbaren Felſenwänden eingegrenzt. Im Frühling wird zu Schiffe eine Schafheerde hieher gebracht und bleibt den ganzen Sommer ohne Hut und Aufſicht. Es hätte ſich, erzählten uns die Schiffer, im verfloſſenen Jahr eine Gemſe zu den Schafen geſellt und mit ihnen viele Wochen lang geweidet, bis ſie dann im Herbſte von den Jägern erſchoſſen worden ſei.
Dies abgelegene Fleckchen Erde iſt wie geſchaffen zu einem Stelldichein für Jäger, Fiſcher und Hirten. Der Doctor und ich waren diesmal bald einig, daß hier Kuoni, der Hirt, des Attinghäuſers ſchmuckes Vieh weidete, als Werni, der Jäger, aus den Bergen zu ihm herunterſtieg und Ruodi,


