262 Aus dem YNorden.
war, als ob die Waldfee erſcheinen müſſe; und wie ich ſehnſüchtig in das Dunkel des Waldes ſtarrte und dem Rauſchen des Quells lauſchte, da kam ein ſchlankes, weißes Reh langſam aus den Büſchen. Das hatte ſo ſeltſame, ſeltſame Augen! Und die Waldvögelein begannen mit einemmale zu ſingen und die wilden Tauben flatterten von den Bäumen und alles ſang und klang— da plötzlich erſcholl ein lautes Hundegebell, und das Reh entfloh und der Wald verſchwand und ich wachte auf.
Aber die Vöglein ſangen wirklich und die Tauben flatterten vor mei⸗ nem Fenſter und ein Hund bellte. Wie ich aus dem Bett ſprang und an's Fenſter eilte, ſah ich unten im Hofe mein Mühmchen ſtehen und ſie rief: „Düveken! Düveken!“ und die Tauben flatterten zu ihr und pickten die hingeſtreuten Körner. Der mächtige Hofhund zerrte an ſeiner ſchweren Kette, um zu ſeiner Herrin zu kommen, bellte und winſelte vor Freude und Ungeduld. Doch wie ſie auf ihn zueilte und ſeinen dicken zottigen Hals mit ihren weißen Armen umſchlang und er vor Freude heulend ſich hoch auf⸗ richtete, öffnete ich das Fenſter:„Guten Morgen, Emilie!“ Schnell warf mein Mühmchen die Locken aus dem Antlitz und eilte in's Haus, während der Hund wie zornig über die Störung zu mir heraufbellte und das weiße, ſcharfe Gebiß zeigte.„Sei nur ruhig, Nero! Wir werden uns ſchon wieder erkennen. Sei nicht bange, deiner Herrin geſchieht kein Leid, du guter, ver⸗ dammter, traumſtörender, himmliſcher Köter!“
Es gibt wohl wenig ſo erfriſchende Dinge wie ein Sommermorgen auf dem Lande. Man muß geſund und fröhlich ſein, ſelbſt wenn man den beſten Willen hätte, es nicht ſein zu wollen. Wenn man einander nur ſieht, muß man ſich ſchon anlachen, und wenn man kaum eine halbe Stunde auf⸗ geſtanden, muß man ſchon eſſen. Nichts geht über dieſen friſchen Appetit. Eine Erklärung davon zu geben wäre unmöglich. Nur die Erfahrung ver⸗ mag es zu beſtätigen.
„Bin ich doch über das Schwatzen von geſtern Abend zu ſpät aufge⸗ ſtanden,“ ſagte mein Onkel.— Er war nämlich um vier Uhr ſchon auf den Beinen geweſen!—„Wenn du mit in's Feld kommen willſt, ſo ſpute dich.“ Es dauerte nicht lange, ſo ſaßen wir zu Pferde und ritten durch die thau⸗ ſchweren Felder und Wieſen. Alles war ſchon in Bewegung. Da zogen die Knechte mit den Pferden auf den Acker, klapperten die Mädchen mit den ſchweren Milcheimern zur Kuhrägel; die Taglöhner ſchritten ſchwerfällig zur Arbeit; dazwiſchen Pferdewiehern, das Brüllen der Kühe, das Blöcken der


