Von C. Lemcke. 261
ich daran gedacht haſt!“—„Ich bin gar nicht hungrig, liebe Tante!“— „Kinder, geht und holt doch etwas zu eſſen und bringt ein Licht mit. Er iſt hungrig!“— Und ehe ich die Erzieherin, Emilie und die jüngeren Ge⸗ ſchwiſter derſelben zurückhalten konnte, ſagte der Paſtor ſchon:„Es iſt wohl beſſer, daß wir in's Haus gehen. Sie ſind gewiß erhitzt.“ Doch entging ich glücklicher Weiſe mit Hülfe meines Onkels dem Sturm, der über mich hereinbrach und mich in's Haus treiben wollte.
So ſaßen wir beim Scheine eines Windlichtes bis tief in die Nacht, lachend und erzählend. Der Himmel ſo tiefblau, die Sterne ſo glänzend, die Luft ſo lind! Die Blumen des Gartens dufteten; der würzige Duft des Klees und der Lindenblüthen durchzog die Lüfte. Ihr ſchönen Stunden in der Roſenlaube am Wege! Und als wir nun— die Mädchen ſchon früher — aufbrachen und die vollen Accorde eines Klaviers durch die geöffneten Fenſter zu uns herausdrangen, ſchalt auch der Alte nicht, daß Emilie noch ſo ſpät ſpiele, und brummte, daß es ſich doch ſchön in der ſtillen Nacht an⸗ höre.—„Aber nun, du Sackermenter, müſſen wir zu Bett; ich verſchlafe ſonſt den ganzen Morgen,“ meinte er dann.
„Mein Gott, es ſchlägt ſchon zwölf Uhr im Dorf!“ ſagte der er⸗ ſchrockene Pfarrer, als die Glocke die Mitternachtsſtunde über die ſtille, ſtille Gegend rief.„Was wird meine Frau ſagen!“ Ich begleitete den alten Herrn bis zur Pfarrwohnung und mußte unterwegs wohl hundert Fragen über ſeinen Liebling Horatius hören, ob neue Ausgaben erſchienen und der⸗ gleichen mehr, von denen ich kaum fünf zu beantworten wußte. Dann kehrte ich in's Haus zurück, wo meine Tante mich erwartete, um mir mein Zimmer anzuweiſen.—„Gute Nacht, liebe Tante!“
Bald darauf lag ich im Bette und in wenigen Minuten vergingen mir die Gedanken. Der Schlaf umfing mich, und ich weiß nur noch, daß ich von einem großen Garten voller prächtiger, farbiger Blumen träumte; und mitten im Garten ſtand eine große, glühende Roſe. Und aus der Roſe tauchte eine blühende Mädchengeſtalt hervor und barg ihr erröthendes Antlitz mit den Händen. Die Blumen dufteten ſtärker, die Blätter wurden grüner, die Blüthenkelche nickten auf den ſchlanken Stengeln und die Bäume rauſchten wie zauberhafte Muſik.— Aber tief im grünen Walddunkel ſchlug eine Nachtigall!— Die Roſe neigte ſich mir leiſe zu, dann verſchwand das Ganze im Nebel und ich lag an einem Quell im tiefen Wald, durch deſſen Blättergrün wenige Sonnenſtrahlen wie geſchmolzenes Gold rannen. Mir


