Jahrgang 
1855
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Aus dem Norden.

Von

C. Lemcke.

Iſt der Weg noch weit bis in's Dorf, Kind?Nein, eine Stunde, war die Antwort.

Eine Stunde! Ich war müde genug, aber wenn ich auch im erſten Augenblicke ungeduldig den Weg verwünſchen wollte, ſo war ich doch ſchnell wieder ſtill. Wer konnte hier ungeduldig ſein. Statt zu fluchen, ſetzte ich mich unter eine Weide am Wege, warf die Reiſetaſche ab und ſchaute dem flachshaarigen Kinde nach, das weit überwogt von den hohen, gelben Saaten dahinſchritt. Wenn dich die Kornfee nur nicht verlockt, dachte ich, wie die Aehren ſich darüber neigten, ſchwankten und nickten; und wie das Kind einige Schritte in die Saaten hineintrat, um eine prächtige, blaue Korn⸗ blume zu pflücken, wollte ich ſchon aufſpringen und es vor dem Zauber retten. Doch die blaue Blume blühte einſam und der rothe Mohn nickte dicht am Wege. Keine tiefer im Korn ſtehende Blume mochte es verlockt haben, oder ihm waren auch die Warnungen der Eltern eingefallen, das wallende, liſpelnde Reich der Kornfee zu vermeiden, die die Kinder lockt und dann küßt, davon ſie ſterben.

Die niedrig über dem Walde ſchwebende Sonne, der tiefblaue Himmel mit den einzelnen, glührothen Wölkchen, die gelben Saatfelder, die, ſo weit das Auge reichte, wallten und wogten; kein lebendes Weſen zu ſchauen, denn das Kind war hinter den Aehren am Wege verſchwunden und nur ſein ſcharfes, klares Auge mochte noch die Lerche erkennen, wie ſie am blauen Himmel ſchwebend der jetzt hinter dem Wald hinabſteigenden Sonne den Ab⸗ ſchiedsgruß ſang, mir ward ſo heimlich und ſchaurig, ſo ſtill und ſo weh⸗ müthig, als ob die blaſſe Fee hinter mir im hohen Korne ſtünde und mich mit dem rothen Mohn berühre. Einſames Kind, hüte dich vor den bunten

Hausblätter. Jahrg. 1855. Iv. Bd. 17