Jahrgang 
1855
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232 Schleswig⸗Holſtein'ſche Bauern.

bilden. Zuletzt erſcheint der weiße Klee, der die Anwohner in Kenntniß ſetzt, daß die Ausbildung des Bodens für die Zwecke der Landwirthſchaft diejenige Stufe erreicht hat, wo er verwendbar iſt. DasWatt iſt dann reif zur Eindeichung, deren Vollendung es den älteren Kögen als gleich berechtigten und gleich verpflichteten Nachbar anreiht.

Die Außendeiche gehören beſonders da, wo ſie, wie in den Elbmarſchen bei Sanct Margarethen, kein Vorland haben, zu den gewaltigſten Boll⸗ werken, welche die Waſſerbaukunſt erſinnen konnte. Die Ausſicht von ihnen iſt begreiflicherweiſe nicht ſchön, wohl aber eigenthümlich. Hier der reiche Marſchgrund, überwimmelt von Vieh, dort in der Ferne die Dörfer der Geeſt, da wieder ein ödes Geſtade, beſpült von einem grauen Meere, über⸗ flattert von Möven, Wrackvögeln, Schwalben und Kiebitzen, und dort end⸗ lich die Inſeln der Frieſen, die vor der letzten großen Sturmflut die Halb⸗ inſel Nordſtrand ausmachten, Föhr, Amram und die Halligen, von denen die letzteren wie maſtloſe Schiffe am Horizonte emportauchen.

Welch ein Unterſchied zwiſchen der Weſtküſte und dem lieblichen Oſten, und welch ein Gegenſatz zwiſchen der See, die jene gebildet, und der, die dieſen und ſeine herrlichen Hügel geboren hat! In der That, es iſt die eine große Salzflut, die an beiden Geſtaden wogt, und doch wie ſo ganz anders hier und ſo ganz anders dort.

Hätte ich die Gottheiten der beiden Meere zu malen, ſo würde ich die der Nordſee als einen grauen finſtern Greis, umgeben von dem Gewölk eines Wetters darſtellen, wie er auf dem Kamme einer Welle gegen den Damm anſtürmt, mit dem der Menſch ſeinem Reiche eine Grenze geſetzt hat. In ſeinen verwitterten Fiſchleib ließe ich Muſcheln und Meerſchnecken ein⸗ gewachſen ſein, in Bart und Haar müßten Seegras und Tang ſich ſchlingen, in ſeinem Gefolge Seelöwen und Haifiſche ſchwimmen. Als Stimme gäbe ich ihm das Brüllen der Wogen, wenn der Weſtwind ſie gegen die Haff⸗ deiche ſchleudert, Inhalt ſeiner Rede wäre eine Drohung und eine Unheils⸗ verkündigung.

Die Oſtſee aber ſchilderte ich als eine holde Nymphe, die mit ſanftem Geſange, einen Kranz von Algen im Haare, einen ſchönen Seeſtern in der Hand, zwei Möven auf den Schultern, auf einem Kahne, den Schwäne zoͤgen, in einer jener blauen Buchten langſam durch das bis zum Grunde durchſichtige Waſſer führe. Ihr Lied müßte ein Wechſelgeſang mit den Dryaden des Buchenwaldes am Ufer ſein, und das Echo müßte es wieder⸗