Jahrgang 
1855
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220 Philadelphia. Von Franz Loeher.

im Allgemeinen, ſondern vor allem andern die genaue Kenntniß des eigenen Landes und Staates in politiſcher und volkswirthſchaftlicher Hinſicht. Die Knaben lernen die Güte des Bodens, die landwirthſchaftlichen und indu⸗ ſtriellen Erzeugniſſe, die Mineralien und den Waldreichthum, die natürlichen und künſtlichen Verkehrswege in jeder Gegend ihres Landes ſo fertig kennen, daß ſie den Werth eines Bezirkes auf dem Papier ausrechnen. Die Ver⸗ faſſung der Union und ihres eigenen Staates iſt in Schulbüchern nach der Art der Katechismen faßlich dargelegt. Den Schülern wird das Lernen durch viele ſinnreiche Mittel erleichtert und zum wahren Vergnügen ge⸗ macht. Was an Naturalien beſchafft werden kann, wird vorgezeigt; fremde Völker, berühmte Gebäude, Alpen und Vulkane werden in Bildern vor Augen geſtellt. Bei jedem Ereigniß, bei jedem Dinge wird zuerſt gefragt, was hat es den Menſchen genützt und was läßt ſich daraus machen. Die Lernbegierde wird in dieſen Schulen ſo ſehr angeregt, daß die jungen Leute es ſpäter nicht mehr laſſen können, ihre Bildung nach allen Seiten hin zu vermehren. Dafür ſorgen dann die Zeitungen, welche unglaublich reichen und mannigfaltigen Lehrſtoff bringen, die öffentlichen Bibliotheken, welche in jeder Stadt faſt ebenſo früh da ſind, als dieſe ſelbſt, die Vorleſungen über allerlei wiſſenswürdige Gegenſtände, meiſt ohne Eintrittsgeld, die Vereine, welche zur Beförderung der Wiſſenſchaft und zur Verbreitung von gemeinnützigen Kenntniſſen in jeder größeren Stadt in Blüthe ſtehen. Es iſt für europäiſche Begriffe kaum faßbar, wie viel in allen dieſen Dingen durch die Freigebigkeit von Privaten geſchieht und wie raſch es geſchieht. Kaum zählt zum Beiſpiel eine Stadt fünfzig oder ſechszig junge Handwerker, ſo treten ſie auch ſchon zuſammen und ſchaffen ſich eine Handwerkerbiblio⸗ thek an, nach einigen Jahren haben ſie ein paar tauſend Bände zuſammen und ſtattliche Leſezimmer, und was das Beſte iſt, die Bücher gehen fort⸗ während von einer Hand zur andern, ihr Inhalt wird geleſen und bedacht. Wenn die geſammte Maſſe von Ideen und Kenntniſſen, welche auf den bezeichneten Wegen täglich in dies raſch handelnde und in voller Freiheit ein ungeheures Land beherrſchende Volk übergingen, Wurzel ſchlügen und fruchtbar würden, ſo müßte hier ein neues Zeitalter aufblühen, ſo groß und herrlich, wie die Weltgeſchichte Aehnliches noch gar nicht geſehen hat. Es ſcheint indeſſen bei der eigenthümlich trockenen Natur des Landes und Volkes auch hier ſchon dafür geſorgt zu ſein, daß die Bäume nicht in den Himmel wachſen.