Jahrgang 
1855
Einzelbild herunterladen

462 Berliner Skizzenbuch.

Ein fliegender Amor zu Häupten füllt ſein Ohr mit den Klängen der Dop⸗ pelflöte zur Rechten, während zur Linken eine reizende Nymphe das dröh⸗ nende Tamburin erſchallen läßt. Zwei Amoretten zu ſeinen Füßen, von denen der Eine ſtaunend aufblickt zu dem von Luſt und Liebe Bewältigten, vollenden dieſen Theil des Bildes. Ihm links zur Seite ſehen wir die herr⸗ liche Geſtalt der ſchönen Königin, die all dieſen Zauber übt, umgeben von ihren dienenden Frauen. Ihr Haupt und ihre Schultern bedeckt das Löwen⸗ fell und ihre Linke hält die Keule des Beſiegers unzähliger Schreckniſſe, den nun die Liebe zu ihrem Sklaven gemacht hat. Ein Zug komiſch ſtolzer koket⸗ ter Selbſtzufriedenheit liegt über ihrem Geſichte und ſpricht ſich aus in ihrer ganzen Haltung, während Geſtalt und Antlitz des Herkules in Harmonie mit ſeinem äußern Aufzuge, ſeinem langen, in weichen Linien um den rie⸗ ſigen Leib geſchlungenen Frauengewande und den reich geſtickten Schuhen, den vollen Ausdruck luſtberauſchter Zerfloſſenheit gewähren, die mit dem gewaltigen Bau der Glieder im wunderlichen Kontraſte ſteht. Und um nun den Sinn dieſes großen Hauptbildes zu erläutern, laſſen die kleineren Wand⸗ bilder des Zimmers, welche durch herrliche Kandelaberarabesken von ihm getrennt, die beiden Nebenflächen und die übrigen Wandflächen ſchmücken, den im Hauptbilde angeſchlagenen Ton in den reizendſten Darſtellungen aus der Hochzeitfeier von Amor und Pſyche gleichſam wie in ſtets erneuten Echos wiederklingen, und wir ſehen, wie Liebesluſt, Geſang und Tanz und Spiel vereint mit den Freuden des Mahls das Element ſind, in

welchem die Kraft des Helden und ſein Thatendrang in träumeriſche Selbſt⸗ vergeſſenheit gewiegt verſunken ſind. Man muß Neapel kennen mit all ſeinem ſinnebethörenden, luſtberauſchenden Zauber, der ewig unverwüſtlich noch nach Jahrtauſenden auf dieſem Hesperidengarten ruht, und man muß es geſehen haben mit den Augen, in der Stimmung, wie es von den Höhen Capodimontes Gregorovius ſah, als er ſein ſchönes Gemälde Neapels in dieſen Blättern zeichnete um es voll zu empfinden, wie ganz in Har⸗ monie ſolch ein Kunſtſchmuck eines antiken Speiſeſaals der alten Pompe⸗ janer ſteht mit der umgebenden Natur! Und da war es denn beim ſehnſüchtigen Zurückdenken an die einſt dort glückſelig verträumten Monde ein großer Genuß für mich, in meine ſtille Klauſe zurückgekehrt, mein Auge erfreuen und meine Einnerung neu beleben zu können durch das herrliche faſt acht Fuß große Panorama Neapels und ſeiner Umgebun⸗ gen, das der geſchickte Maler Bolte vor einigen Jahren vom Kloſter San