Jahrgang 
1855
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458 Berliner Skizzenbuch.

Rolle zu danken, die ſein Genie aus einer elenden Bauernfeld'ſchen Fratzen⸗ ſtizze zu einer heitern und menſchlich liebenswürdigen Figur umgeſchaffen hat. Aber es iſt nun einmal nicht anders; die Empfindlichkeit iſt ſelten gerecht, und die genannte Klaſſe der Geſellſchaft, die in Berlin ebenſo zahlreich und noch viel einflußreicher vertreten iſt, als ſchon in dem alten Rom zur Zeit des Satiren⸗Dichters Horaz, iſt bekanntlich ſehr empfindlich. Dazu hatte irgend ein Neider Döring'ſcher Kunſt das Bonmot hingeworfen, daß er in allen Rollen eben nurder Bankier Müller ſei. An einem Bonmot ſtirbt man nun zwar nicht, aber läſtig werden kann es einem doch eine Zeit lang, verſteht ſich; denn zuletzt bricht ſich die Wahrheit dennoch unwider⸗ ſtehlich freie Bahn.

So auch in dieſem Fall. Vergebens hat man in dem Herrn Deſſoir einen Rivalen gegen Döring aufzuſtellen und denſelben mit allen Mitteln einer materiellen und litterariſchen Claque in die Höhe zu ſchrauben verſucht. Es bleibt darum doch nicht minder wahr, daß Döring der ein⸗ zige große Schauſpieler iſt, deſſen ſich Berlin ſeit Devrient und Seydelmann zu rühmen hat, und daß ſein Verluſt in mehr als einer Beziehung unerſetz⸗ lich ſein würde. Rott iſt alt und manierirter als jemals; Deſſoir bei allem Fleiße doch in den weſentlichſten Erforderniſſen der Schauſpiel⸗ kunſt unbegabt, weil gänzlich unfähig ſeine Individualität zu verleugnen, und deßhalb von ermüdender Eintönigkeit. Seine meiſten Rollen ſind wie die Statuen in St. Peter zu Rom, von denen Winkelmann ſagt:Hat man eine geſehen, ſo hat man alle geſehen! Die wackern alten Herren Sta⸗ winsky, Crüſemann, Gern, Grua ſind, wie die berühmte Frau Cre⸗ linger, nur noch Ruinen. Ueber Frau Birch⸗Pfeiffers abſolute Unaushalt⸗ barkeit iſt ſchon früher das Nöthige geſagt. Ihre Rollen ſollte die Intendanz einmal kurz und gut an Frau Frieb⸗Blumauer übertragen, die dafür unendlich befähigter iſt. Von ihren jungen Kolleginnen, den Damen Vierek, Fuhr und Hopyé, iſt die zuletzt genannte noch immer die bedeutendſte, wenn ſie gleich hinter der zweiten bei der Rollenbeſetzung ſehr oft zurück⸗ ſtehen muß. Fräulein Fuhr iſt die perſonifizirteWaiſe von Lowood, nichts weiter; das Organ im Ausdrucke der Reſignation von manchem an⸗ genehmem Molltone, aber auch keines weitern Ausdrucks fähig, immer ängſtlich, weinerlich; unangenehm rauh im Anlaufe zum Heroiſchen, und keineswegs erfreulich im Ausdrucke munterer Fröhlichkeit; die Darſtellungs⸗ weiſe von troſtlos geiſtesarmer Eintönigkeit, mit ſehr dürftiger, in allen

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