Von Joſeph Ennemoſer. 239
müßte ich eine ſolche Sache doch wohl überlegen; das Studiren ſei ein weiter und ſehr ſchwieriger Weg ohne ein ſicheres Ziel wenn ich kein Vermögen habe, ſei es noch um zehnmal ſchwerer, die meiſten kehrten in ſolchem Fall auf halbem Wege wieder um oder geriethen auf gefährliche Abwege; endlich ſolle ich nicht glauben, daß der geiſtliche Stand, zu dem ich mich entſchließen wolle, ein gar ſo glücklicher ſei, ſondern daß der arbeitſame Bauernſtand ein viel ruhigeres und ſorgenfreies Leben biete. Außerdem gehöre dazu die vollkommene Zuſtimmung meiner Mutter und der übrigen Anverwandten, von denen ich doch bei ſolchen Unternehmen unterſtützt werden müßte, und endlich, vorausgeſetzt, daß alle dieſe Hinderniſſe beſeitiget wären, ſei es in dieſem Jahre ſchon zu ſpät; die Schule des Gymnaſiums zu Meran, wo ich eigentlich die Prinzip anfangen müſſe, habe ſchon im September des ver⸗ gangenen Herbſtes begonnen, und er vermöchte mit dem beſten Willen mir auch jetzt nicht mehr zu helfen, daß ich auf künftigen Herbſt in die Studien⸗ anſtalt eintreten könnte.
Auf dieſe überaus triftigen Gründe wußte ich, wie durch ein unver⸗ ſehen hereinbrechendes Gewitter erſchreckt, nur Einiges zu ſtammeln: daß ich den Entſchluß wohl überlegt habe und auch nicht glaube, daß das Stu⸗ diren eine leichte Sache ſei, ohne Vermögen ſeien doch auch andere durchge⸗ kommen; ich hätte Verwandte und ſonſt gute Freunde, die würden mich wohl unterſtützen; der Großvater habe ſeine Zuſtimmung ertheilt, meine Mutter würde auch nichts dagegen haben und die übrigen brauche ich nicht weiter zu fragen, das Schlimmſte wäre freilich, daß ich zu rechter Zeit zu Meran anfangen müßte, was ich nicht ſo gewußt habe.
Sehr traurig kam ich in ſolchen Gedanken nach Hauſe und berichtete das Vorgefallene dem Großvater, der mein einziger Tröſter war. Denn auch meine Mutter, die ich anfangs gar nicht gefragt hatte, ſowie alle andern, namentlich der ältere Vetter, welcher ſeit einiger Zeit die Bauernſchaft vom Großvater übernommen und mich ſehr gut brauchen konnte, traten jetzt mit allerhand Einwürfen und Vorſtellungen gegen mich auf. Ich hatte aber Tag und Nacht keine Ruhe mehr, ſchon am nächſtfolgenden Sonntag erſchien ich wieder beim Pater Hammerle, dem ich alle gemachten Einwürfe für nicht gewichtig genug erklärte. Ich bat ihn inſtändig, mir die Prinzip noch in dieſem Winter zu lehren, ich wollte ſo fleißig ſein, daß man mich im nächſten Herbſte ſchon doch noch zu Meran in die Studienanſtalt aufnehmen würde. Die„Prinzip“ war nämlich das Lehrbuch der Anfangsgründe der lateiniſchen


