Von Joſeph Ennemoſer. 217
und Charakter, treue und fleißige Knechte, immer beſchäftigt und mir ein treffliches Vorbild der Thätigkeit für alle Arbeiten des Tages und Jahres. Der nähere Umgang mit ihnen war aber ziemlich beſchränkt, weil ich in der erſten Zeit als Knabe mehr bei den Frauen zu Hauſe, ſpäter als Hirte mehr bei dem Großvater und endlich ganz allein auf der Alpe bleiben mußte.
Der Großvater war nicht nur als Familienhaupt, ſondern durch ſeinen klugen Geiſt und geſunden Sinn, durch ſeinen feſten Charakter, durch ſeine praktiſche Erfahrung wie durch ſeine gerade Offenheit und den unbeugſamen Willen die Seele des Hauſes. Er verfiel aber trotz dieſer vorzüglichen Eigen⸗ ſchaften zuweilen in eine Untugend. Bei dem Kirchengang trank er nämlich zu Rabenſtein mit alten Kameraden hin und wider ein Gläschen Brannt⸗ wein zu viel. Dadurch wurde er aufgeregt, unverträglich und zankſüchtig. Da man dies aber wußte, ſo wich man ihm dann ſo viel wie möglich aus und ließ ihn gewähren; mit dem Rauſche verflog auch der dämoniſche Spuck⸗ geiſt des Gemüths, der jedoch auf mich einen ſolchen Eindruck hinterließ, daß mir durch Rauſch benebelte Perſonen bis auf den heutigen Tag eine hoͤchſt widerwärtige Erſcheinung geblieben ſind. Dies hinderte indeſſen meine Achtung und Anhänglichkeit keineswegs, denn mich ließ er ſeine Mißſtim⸗ mung nie empfinden, und verwiſchte dieſen dunklen Fleck der Erinnerung anderweitig wieder hundertfach durch Lehre und Beiſpiele in ſeinem Um⸗ gange. Im Uebrigen war er bei ſeinem hellen Verſtand nachſichtig und großmüthig gegen jedermann und vergab ſich gegen die wahre Schicklich⸗ keit und Güte, gegen Recht und Pflicht bei keiner Gelegenheit das Aller⸗ geringſte.
Und ſo kann ich denn wohl ſagen, daß das Bauernhaus zu Hitt meine erſte und wichtigſte Schule war, obgleich ich ſonſt dort nicht einmal das Abe gelernt habe. Aber der Geiſt meiner Verwandten theilte ſich mir unbewußt mit, und unbewußt kam ich zu dem, was ſie ſelbſt beſaßen, zu den Begriffen der Wahrheit und Güte, der Sitte, der allgemeinen Pflichten, des Rechts und Unrechts, und vor allem zu einem tiefen Religionsgefühl. Und das alles ward mir ſo eingepflanzt, daß darüber nie mehr ein Zweifel in mir aufkam und ich auch nie etwas weſentlich Beſſeres erlernt habe.


