Jahrgang 
1855
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Von Robert Schweichel. 257

Und dann ſtürzten Sie ſich in jene ſchrecklichen Zerſtreuungen. Ach, Alfred! ich kann Ihnen nicht ſagen, wie dieſer Flecken Ihres Lebens mich ſchmerzt. Aber ich weiß jetzt, daß das Unglück der Liebe Sie nicht allein zu dieſen Verirrungen führte. Es war auch die Kraft, die ſich zur Unthätig⸗ keit verdammt ſah. Aber dieſe Kraft erlöste Sie auch; ſie war es, die Sie heute den Ehrgeiz früherer Zeiten eine Thorheit ſchelten ließ. Sie iſt wieder auferſtunden und zeigt Ihrem Talente die Bahn, die Sie zu betreten haben!Mit Ihnen!

Nein, mein theurer Freund. Die Liebe vermag den Zwieſpalt in Ihrer Bruſt nicht zu löſen. Sie täuſcht Sie nur. Sie mag die Beſtimmung des Weibes ſein; die des Mannes iſt ſie nie. Der Idealismus war kein Erzeugniß Ihrer erſten Liebe; er gehört dem Künſtler in Ihnen. Wenn ich thöricht genug wäre, Sie zurückhalten zu wollen, welch ein Glück erwartete Sie an meiner Seite? Der Rauſch verfliegt und der Geiſt, der jetzt ſchon ſeine Flügel regt, fühlt ſich gefeſſelt. Der Menſch muß ſeine innere Beſtim⸗ mung erfüllen. Das Bewußtſein, ſie verfehlt zu haben, wird Sie aus mei⸗ nen Armen ſcheuchen und mich wird die Reue elend machen, Ihr Unglück verſchuldet zu haben, indem ich Ihre innere Stimme durch meine Liebko⸗ ſungen übertäubte.

Ach, welch' grauſame Folgerungen ziehen Sie aus Juliens Entſa⸗ gung! Und wenn ich Ihren Worten beiſtimmte, was könnte ich gewinnen, daß Ihren Beſitz aufwäge? ſprach er.Die Ruhe und den Frieden Ihrer Seele! verſetzte ſie.Wo finde ich ſie, wenn nicht in Ihrer Liebe, Hedwig?

In der Kunſt und in dem Schönen! Der Künſtler hat nicht nöthig, die Erfüllung ſeiner Sehnſucht, ſeiner Ideale kommenden Jahrhunderten zu übertragen. In den Werken ſeines Geiſtes ſtehen ſie vor ihm und der Gegenwart. Seine Zukunftsträume werden ihm zur Wahrheit. Sie läug⸗ nen die Unſterblichkeit, und vielleicht iſt der Künſtler der einzige, der ſie entbehren kann. Sie waren troſtlos, Marie ewig verloren zu haben; ſchaf⸗

fen Sie ihr Bild in der Dichtung wieder und ſie lebt, Sie beſitzen ſie wie⸗

der!Ich hab's verſucht! ſeufzte er.

Damals war Ihr Auge von Thränen getrübt und der Schmerz um⸗ florte Ihren Geiſt. Sie werden heute glücklicher ſein, denn Sie beherrſchen Ihren Verluſt. Sie müffen reiſen, Alfred, fuhr ſie fort und ihre Stimme bebte.Sie müſſen mich vergeſſen.Das kann ich nicht! Hausblätter. Jahrg. 1855. II. Bd. 17