Helgolandika. Von Adolf Stahr.
Den 12. September.
Hente nach einem wahrhaft glorreichen Sonnenuntergange, deſſen An⸗ blick von der äußerſten Nordſpitze ſich ewig in die Seele prägt, genoſſen wir eine Mondnacht, ſo zauberglänzend, ſo traumesſtill, ſo lauſchig warm, wie ich ſie ſeit Italien nicht erlebt.
Durch die offnen Fenſter des kleinen Hauſes am Falm, wo wir in wünſchenswertheſter Geſellſchaft theurer Freunde dem Meiſterſpiele einer jungen liebenswürdigen Schottin lauſchten, die Beethovens Mondſcheingedicht vor uns erklingen ließ, während ihr Gatte ſie abwechſelnd mit den ſeelen⸗ vollen Tönen ſeiner Geige begleitete— fiel der Blick auf die mondbeglänzte Meeresfläche. Das Häuschen liegt ein wenig zurück von dem Felsrande, ſo daß das Unterland mit ſeinen leichtflimmernden Häuſern dem Auge völlig entzogen blieb. Ueber das ſpannenlange Vorgärtchen mit ſeinen Malven und wilden Weinreben hinweg ſenkte ſich die Ausſicht ungeſtört von der ſteilen Felswand nieder auf den Spiegel der ſchlummernden See. Kein Luftzug ließ die Lichterflammen erzittern, und unbewegt vom leiſeſten Hauche ſtreckte ein wilder Roſenzweig ſich über dem Fenſter hin. Der Mond ſchwebte in wunderbarer Klarheit am dunklen Nachthimmel, und ſeine fun⸗ kelnde Lichtſtraße dehnte ſich weit und weiter hinein in die unerreichbare flim⸗ mernde Ferne über den Rücken des Meers, rings eingefaßt vom tiefen Schat⸗ tendunkel. Nichts regte ſich als nur tief unten die träumeriſch ſich hin⸗ und herneigende Spitze des ſchlanken Maſtes von einem kleinen Schooner, über welchen der goldſchimmernde Lichtſtreifen der milden„Leuchte der Nacht“ hinfloß. Sie war unſagbar ſchön, dieſe„mondbeglänzte Zaubernacht,“ und über meine Seele zog es wie ein Hauch jener romantiſchen Jugend⸗ tage, in denen ſich das Herz berauſchte an dem Zaubertrunke jener, unſern Zeiten ſchon halbverklungnen Poeſie Meiſter Ludwigs, Eichendorffs und ihrer Genoſſen!
Dazu waren es Abſchiedsſtunden, die heute an dieſem Abende unſern kleinen Kreis vereinten, den ſchon die nächſten Tage nach allen Richtun⸗ gen der Windroſe auseinanderſtreuen ſollten, die einen nach dem fernen Süden, die andern ſogar übers Weltmeer hinweg nach dem Lande, wohin uns das Geſchick ſchon ſo manchen werthen Freund entführt, und* —„der Stern der Zukunft wandelt ſeine Bahn!“
Wir ſchieden endlich— mit einem herzlichen:„auf fröhlich Wieder⸗ ſehen in Helgoland!“ Möchte es in Erfüll ung gehen.


