468 Aus Wetzlar's Vergangenheit und Gegenwart.
Wenn die ehrwürdige alte Dame,„Werthers Lotte“, in den zwanziger Jahren zu Hannover an dem Arm ihrer Geſellſchafterin durch die Straßen ging, ſo blickten die Vorübergehenden ihr ehrerbietig nach, und die Jugend unter dieſen ſah ſich immer noch einmal nach ihr um. Einer ihrer Söhne, der Archivrath Keſtner zu Hannover, beſaß ſpäter einen wahren Schatz von Reliquien ſeiner edlen Mutter, jenes ſchon erwähnte Bild unter andern, viele Dinge, die ſie gebraucht und beſeſſen hatte, die Originale der Korreſpondenz Goethe's und Keſtner's, auch das Manuſkript der Geſchwiſter, von Goethe's eigner Hand geſchrieben, und ſonſt eine Menge dahin bezüglicher Schriftſtücke und Briefe. Es war eine unvergeßliche Stunde, wie lange ſie auch vorüber iſt, wo ich alles das bei dem Beſitzer anſehen durfte.
An einem winkligen, unſchönen Platz, ſeit dem Schillerjubiläum der Schillerplatz genannt, liegt das Haus, in welchem Jeruſalem wohnte, die Fenſter von ſeinen Zimmern, die einen erkerartigen Ausbau bilden, ſehen auf die ſchräg und nah gegenüber liegende reformirte Kirche. Sie lagen im Abendſchatten, als ich an ihnen hinauf ſah, in den hohen Kirchenfenſtern fing ſich der letzte Sonnenſtrahl.
Auf Goethe's Wohnung in der Gewandgaſſe mündet die Entengaſſe, eine Straßenbenennung, die recht proſaiſch klingt, da aber„der Buttermarkt“ der große Platz iſt, an welchem der Dom liegt, die Gänſeweide auch eine anſehnliche Straße, und an dem Eckhauſe einer anderen„Pfannenſtielsgaſſe“ zu leſen iſt, ſo darf man annehmen, daß damals wenigſtens in Wetzlar die Sitte nicht herrſchte, die Straßen nach berühmten Leuten oder großen Be⸗ gebenheiten zu benennen. Mit der Taufe ihres Schillerplatzes, den jetzt un⸗ gefähr jede deutſche Stadt aufweist, ſcheint Wetzlar übrigens zu dieſer neuen Lehre übergegangen zu ſein.
Das merkwürdigſte und älteſte Gebäude der Stadt iſt der Dom, im 11. Jahrhundert begonnen, aber nie ganz vollendet, obgleich im 13ten ein Weiterbau unternommen wurde. Dem wunderſchönen— in großartig⸗ ſten Verhältniſſen und im reinſten Stil angelegten Bau, romaniſch in Gothik übergehend, entſpricht der Thurm durchaus nicht. Auf kurzem Unter⸗ bau raſch zugeſpitzt und bedacht, erſcheint er faſt unförmlich. Unverſtändlich ſogar iſt ſein vaſenförmiger Knauf, es wäre beſſer, wenn er ganz fehlte. Von großer Schönheit iſt das große Portal, eine Art Vorhalle mit einer von Säulen getragenen Ueberdachung. Mancherlei Bildhauerarbeit in Sand⸗ ſtein ausgeführt, iſt auch vorhanden, aber meiſtens zerbröckelnd oder halb
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