Zur Geſchichte der Anſiedelung der Zuden in Niederdeutſchland.
Von Wilhelm Ernſt.
(Schluß.)
Das in Mecklenburg gegebene Beiſpiel fand in den benachbarten Län⸗ dern in nicht ferner Zeit öftere Nachahmung. Im Jahre 1573 wurden alle Juden aus dem Brandenburgiſchen vertrieben, und 1591 geſchah dasſelbe in den braunſchweig⸗lüneburgiſchen Ländern. In beiden Fällen bewirkte ſolches hauptſächlich der Zelotismus der lutheriſchen Geiſtlichkeit. In Hannover waren es beſonders der Senior Conrad Weck und die Prediger Heinrich Garber und Georg Niemeier, welche von der Kanzel herab das Volk gegen die Juden aufhetzten. Sie beſchuldigten dieſelben, daß ſie die Bürger mit Wucher beſchwerten und ausſögen, und fortwährend die chriſtliche Religion und Jeſum läſterten. Auch die Obrigkeiten griffen die Prediger auf der Kanzel an. Sie erklärten es für Sünde und Schande, daß ſolche in einer chriſtlichen Stadt den Juden Schutz gewährten.„Wenn dieſer Schutz auch verbrieft und beſiegelt ſei, ſo brauche man dennoch den Juden nicht Wort zu halten, da ſie als Ketzer zu betrachten wären.“— Man ſieht, dieſe lutheriſchen Prediger nahmen es nicht um ein Haar genauer mit der Moral, als die ge⸗ ſchmähten Jeſuiten, ſobald es ihnen für ihre Intereſſen paßte.—
Bald kam es zu Volkstumulten. Die Juden wurden auf den Gaſſen mit Steinen geworfen und ſonſt mißhandelt. Der Rath wußte ſich nicht anders zu helfen, als daß er die Univerſitäten Helmſtädt, Leipzig und Wit⸗ tenberg um Gutachten über dieſe Sache anging. Die Univerſitäten ertheil⸗ ten denn auch ſolche in höchſt geſchraubten Redensarten. Sie gaben weder


