Jahrgang 
3 (1867)
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442 Bürglen auf der Höhe.

und fand es darin, daß er dem Vater die entwendete Summe anonym zu⸗ ſandte, die dieſer ſogleich dem Amt übergab. Außerdem ſprach für ſie ihres Hauſes Nothſtand, der ſie zu der vermeſſenen That hingeriſſen, während die über ſie eingeholten Zeugniſſe ſie als eine geordnete, ſittſame Perſon ſchilder⸗ ten, die in Fleiß und Häuslichkeit ein zurückgezogenes Leben geführt. Das Verbrechen aber war begangen, Strafe und Entehrung mußten ſchmählich genug auf ſie fallen. Den Prozeß niederzuſchlagen, nachdem die entwendete Summe bezahlt war, verbot dem Amtmann ſein Rechtsgefühl und ſeine amt⸗ liche Stellung.

Schwer iſt zu entſcheiden, ob er oder das Mädchen unglücklicher war. Sie hatte ſeit jener Scene im Parkhauſe eine Neigung für ihn empfangen, die mit ihren jungfräulichen Jahren wuchs, im Ring ein Unterpfand ſeiner Geſinnungen vermuthete, welche ſie ſich in ihrer Waldeinſamkeit ausmalte. Endlich ſah ſie ihn wieder, um ſich als eine Nichtswürdige von ihm bemit⸗ leiden, ja verachten zu laſſen, während ſie ſeiner Hochachtung eben jetzt am würdigſten war. Der ſie vielleicht, wenn er ihren Werth erkennen könnte, zum Altare führen würde, mußte ſie in das Haus der Entehrung ſtoßen und ſie mußte ſich im Bewußtſein ihrer Unſchuld vom Manne ihres Herzens ver⸗ urtheilen laſſen. Ihr Gemüth empörte ſich gegen dieſes Uebermaß von Elend, Gedanken der Verachtung wider ihren Vater ſtiegen in ihr auf, den ſie doch ſelbſt zur Annahme ihres Opfers genöthigt. Heiße Sehnſucht nach Freiheit und unbeflecktem Namen riß ſie hin, ſie war nahe daran, dem Amtmann alles zu bekennen, aber die Geſchwiſterliebe hielt ſie aufrecht, die kindliche Geſinnung ſiegte und ſie gab allen Anſpruch an Rettung und Lebensglück auf. In dieſer reſignirten Stimmung erfuhr ſie von dem anonymen Ge⸗ ſchenk, das ihr Vater erhalten hatte, und erkannte ſogleich den Geber. Eine milde Wehmuth kam über ihr freudenloſes Herz: wie hätte der Mann dich geliebt, der jetzt noch das für dich gethan!

Friedrich iſt troſtlos, das Mitleid will in ihm eine leidenſchaftliche Liebe anfachen und die ladet ihn mit allen ihren lockenden Stimmen. Aber ſein ſtarkes Rechtsgefühl legt der Leidenſchaft den Zaum an: die Diebin muß aus deinem Herzen, und wenn ſie mit einem Liebreiz und einem Leid darin wohnte, die einen Stein zerſchmelzen könnten; wo du nicht mehr achten kannſt, da darfſt du nicht mehr lieben! Er ſieht ſie täglich, wie ſie in den Abend⸗ ſtunden bleich und trauernd im Garten unter ſeinen Blumen wandelt, und wünſcht ihr: daß du entblättert in den Tod ſänkeſt, du liebliche Blume, in