Jahrgang 
3 (1867)
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18 Gott ſteuert die Bäume, daß ſie nicht in den Himmel wachſen.

zwei ſture, weißköpfige Herren und beide ſahen recht ehrwürdig und ſolda⸗ tiſch aus.

An jedem Morgen, ſobald es neun geſchlagen hatte, öffneten ſich rechts und links die Thüren der beiden Häuſer und die beiden alten Herren traten heraus. Höflich ſalutirten ſie einander, und ohne ein Wort zu reden, ſetzten ſie ſich dann auf die grüne Bank. War es aber kalt, ſo ſchritten ſie beide nebeneinander her, immer den kleinen Platz auf und nieder. Dann nahmen beide ihre Meerſchaumpfeifen zur Hand und rauchten, aber ſprechen that keiner eine Silbe. So trieben ſie es bei einander, bis auf dem Thurm die Uhr elf ſchlug, dann ſtanden ſie auf, oder hielten mit dem Gehen ein und ſteckten ihre Pfeifen in die Taſchen. Der Weißköpfigere zog dann aber ſeine Uhr, welche an einer langen Kette hing, hervor und ſah nach der Zeit und zeigte ſie dann auch ſeinem Kameraden hin und auch noch ein Etwas, was zwiſchen den Pettſchaften an der Kette hing.Ja, ja, mein lieber Obriſter! ſeufzte er dann, und nunmehr reichten ſich die beiden alten Herren die Hände, ſalutirten wieder einander und jeder trat in ſein Haus.

Wohl natürlich war es, daß über dieſen einſilbigen Verkehr der beiden Alten gar viel von den Nachbarn geſchwatzt wurde. Als aber nun im näch⸗

ſten Frühjahr der Oberſt plötzlich ſtarb und nach ſeinem Leichenbegängniß

der alte General ſich niemals mehr auf dem kleinen Platze ſehen ließ und drei Monate ſpäter auch über ſein Grab die Ehrenſalven knallten, da lachte man nicht mehr, ſondern man weinte: der alte Oberſt habe ſich ſeinen Ka⸗ meraden doch recht bald nachgeholt. Mich überkam nun aber plötzlich eine heftige Neugier zu wiſſen, was das ſei, was immer der alte Kriegsheld neben der Uhr noch ſeinem Freunde gezeigt hatte. Es ſchien mir der Schlüſſel zu ihrem ſonderbaren Gebahren zu ſein.

Der General hatte einen alten Diener gehabt, welcher auch noch jetzt im Hauſe wohnte. An den machte ich mich, und eines Abends zeigte er mir die Uhr und ſiehe da! zwiſchen den goldenen Pettſchaften hing eine bleierne Flintenkugel. Mit der hatte es aber folgende Bewandtniß. Schon in jungen Jahren waren die Verſtorbenen intime Freunde geweſen. Während des Krieges in Flandern hatten ſich jedoch beide in eine und dieſelbe Dame verliebt und die bisherige Freundſchaft war dadurch plötzlich in einen bitteren Haß verwandelt worden. Endlich war es ſogar dahin gelangt, daß ſie ein⸗ ander zum Duell auf Leben und Tod herausgefordert. Am Morgen jenes Tages, wo am Mittage, elf Uhr, das Rencontre