Von C. W. Stuhlmann. 13
Gottlieb. Dieſer aber ſchob ſie ſanft zurück, und wohl die Gelegenheit ab⸗ paſſend, ſprang er mit einem gewaltigen Satze auf das Thier, packte das⸗ ſelbe glücklich am Ohre, warf es zu Boden und legte ſeine Kniee auf die Flanken desſelben.—„Gottlieb Kreuz hätt' em! Gottlieb Kreuz hätt' dat Swien!“ tönte es nunmehr über den Platz und in alle Buden und Zelte hinein.
Niemand freute ſich mehr darüber, wie er dieſes vernahm, als der kleine Heinrich.„Das wär' der Teufel!“ ſagte er mehreremale laut vor ſich hin, während er der Gegend zuſteuerte, wo ſeiner Anſicht nach ſich Jäger und Beute befinden mußten,„das wär' der Teufel! Nun, gelegener kann das Pölk niemand kommen. Da kriegt Gottlieb wohl einmal ein freundliches
Geſicht von ſeiner Stiefmutter.“—
Während deſſen war Gottlieb völlig Herr des Schweines geworden und hatte demſelben bereits einen Strick um den einen Hinterfuß befeſtigt. Als er nun mit ſeiner Beute abziehen wollte, ſah er Minchen ganz nahe bei ſich ſtehen.„Hat's Thier dir auch wehe gethan, Gottlieb?“ fragte ſie mit einer ſo herzlichen und freundlichen Stimme, wie der Knabe ſie ſeiner Mei⸗ nung nach noch nie zuvor gehört hatte. Ihm wurde dabei ganz ſeltſam weich und weit um das Herz.„Minchen, nimm du das Schwein, ich ſchenke es dir,“ ſagte er nach kurzem Beſinnen und reichte ihr das Ende des Strickes hin. Minchen weigerte ſich.—„Ich habe es mir gegriffen und kann dem⸗ nach auch damit machen, was ich will,“ ſagte er und drängte ſtärker in ſie.—
„Nun, ſo nimm es nur,“ ſagte ſchmunzelnd der Herr Cantor und faßte dabei nach dem Strick, welchen Gottlieb noch immer hinhielt,„nimm es nur. Du ſiehſt ja, es iſt ſein beſtimmt ausgedrückter Wunſch. Ein discipulus kann ſeinem Lehrer ſchon einmal eine kleine Opferung angedeihen laſſen.— Ich acceptire dieſen kleinen sum, quasi ferculum, als eine Gabe ſchülerhafter Pietät.— Hinrich Stoll bringt dieſes Pölk in meine Behauſung, aber er⸗ mahnt meine Margaretha, daß ſie dem Thiere nicht ſofort zu ſaufen gibt; leichtlich möchte das Geſchöpflein ſich ſonſt verfangen.“—
Damit ſchritt der Herr Cantor von dannen und überließ unſern Gott⸗ lieb ſeinen Gedanken und ſeinem Freunde Heinrich.—„Aber Menſch, Toll⸗ bregen, Teufelskerl, wie kommſt denn auf die Idee, dem Küſter das Schwein zu ſchenken? Nein, das geht ja über Kreid und Rothſtein!“ zürnte letzterer ganz erſchrocken.—„Wie ich dazu kam, weiß ich ſelber nicht, aber thun mußt' ich's,“ erwiderte Gottlieb kleinlaut.—„Küſtern und Prieſtern muß


