Jahrgang 
3 (1867)
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4 Gott ſteuert die Bäume, daß ſie nicht in den Himmel warn

an die Ausführung eines Unternehmens, das ihm ſchon lange im Sinn ge⸗ legen hatte. Ihm war nämlich bekannt geworden, daß Plato in ſeiner Re⸗ publik Muſik und Geſang für einige der wichtigſten Erziehungsmittel er⸗ klärt, und von der Wahrheit dieſes Ausſpruches hatte er ſich ſofort überzeugt gefunden. Die ganze Schulweisheit in Verſe zu bringen und ſie mit paſſen⸗ den Melodien zu verſehen, und ſingend und ſingen laſſend die Jugend zu bil⸗ den, das war, was dem Herrn Cantor ſchon lange als Ideal vorgeſchwebt hatte und an deſſen Realiſirung er jetzt ſich wagte.

Ein Hauptſtück des Unterrichts in einer Volksſchule bilden die zehn Gebote und demnach machte ſich Herr Johann Sebaſtian zunächſt an ihre Verſificirung. Es gelang ihm damit noch beſſer, als er gehofft hatte; in einem Nachmittage hatte er ſie ſämmtlich in die ſauberſten Reime gebracht. Dieſer brillante Erfolg ſpornte nunmehr ſeinen Eifer und ſeine Thatkraft auf das höchſte, und wo er ging und ſtand, ſelbſt Abends und Morgens im Bette, reimte und componirte er nunmehr die geſammte Elementarſchulweis heit. Kehren wir jedoch einſtweilen zur Schule und zu Gottlieb und Hein rich Neubauer zurück.

Gottlieb kriegte alſo den Platz neben Minchen, während Heinrich ſich an das andere Ende der Bank ſetzte. Weßhalb aber wünſchte denn Gottlieb eigentlich neben dem kleinen, blauäugigen Schwarzkopf zu ſitzen? Ich meine, es würde ihm ſehr ſauer geworden ſein, in verſtändlichen Worten einen rech⸗

ten Grund dafür anzugeben und er würde ſich damit haben begnügen müſ⸗ ſen, zu ſagen: ich mag nun einmal gern bei ihr ſitzen.

Auch Minchen hielt große Stücke auf Gottlieb, aber ſie hatte dazu auch triftige Gründe. Im verfloſſenen Winter hatte nämlich Caspar Kilian, der Sohn des Kaufmanns am Markt, ſie auf dem Eiſe im Schlitten gefahren und der Schlitten war eingebrochen. Caspar, welcher ſich bald auf's feſte Eis gerettet, war feige und kopflos davongelaufen und ein Gleiches war von anderen in der Nähe befindlichen Knaben geſchehen. Nur Gottlieb und Heinrich hatten dieſes nicht gethan, und erſterem war es unter eigener großer Lebensgefahr gelungen, das Mädchen zu retten. Als am anderen Tage Gottlieb die Küſterei beſuchte, da ſtreckte Minchen aus ihrem Bette heraus dem Knaben die Hände entgegen.Gottlieb, du biſt mein Lebensretter; das gedenke ich dir ewig!

Gottlieb und Heinrich hatten beide bereits die Mutter verloren, doch

war für den erſteren ſeit kurzem eine Stiefmutter wieder in die Stelle ein⸗