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Von Bernd von Guſeck. 17
geweſen wäre, wollte eben das Fenſter ſchließen, als ein leiſer Accord, wie von einer Geiſterharfe, durch die ſtille Nacht zu ihr drang. Auch Lucie, welche zu ihr getreten war, hatte ihn vernommen: beide Mädchen ſahen ſich angenehm überraſcht an und lauſchten. Der Accord wiederholte ſich und ging in andere über; es ſchien eine Guitarre, welcher die Töne entlockt wurden, ſtets in demſelben zarten und leiſen Anſchlag, als ſeien ſie für kein anderes Ohr beſtimmt, wie für die beiden Mädchen am offe⸗ nen Fenſter. Jetzt geſtalteten ſie ſich zu einer Melodie— wird nun Ge⸗ ſang folgen? Die jungen Herzen fingen an raſcher zu pulſtren: das Ge⸗ heimnißvolle des unerklärlichen Ständchens, das offenbar ihnen gebracht wurde, die Stille der Nacht, welche die Gemüther empfänglicher ſtimmt, das meiſterhafte Spiel auf dem unvollkommenen Inſtrument, die fremd⸗ artige, originelle Melodie, alles trug dazu bei, den Moment mit einem
poetiſchen Reize zu umkleiden.
Auf einmal brach der unbekannte Spieler mitten in ſeinem Stück ab. Die Mädchen erwarteten mit ſolcher Gewißheit einen Geſang zu hören, daß ſie ſich unangenehm getäuſcht fühlten, als ſie nach längerem Lauſchen ſich überzeugen mußten, daß alles vorüber war. Johanna blickte nun ihre Couſine fragend an: wem konnte das Ständchen gelten, als ihr? Sie mußte nun Geſtändniſſe ablegen. Aber Lucie verſicherte ſo ehrlich, daß ſie keine Ahnung habe, wer dieſe nächtliche Serenade gebracht und daß im ganzen Kreiſe ihrer Bekannten, den ſie ſchon durchgedacht, kein Einziger ſet, den ſie einer ſolchen für fähig halte— Johanna mußte ihr wohl Glauben ſchenken. Wer überhaupt noch die Guitarre, dies längſt aus der Mode gekommene, ja der Lächerlichkeit verfallene Inſtrument, ſpielen könne, war ein Räthſel; Lucie konnte ſich nicht entſinnen, in irgend einem Hauſe, wo ſie in der Stadt oder der Nachbarſchaft bekannt war, eine Guitarre, ſelbſt nur als antike Reminiſcenz ſentimentaler Jugendzeit, ge⸗ ſehen zu haben. Vielleicht war es aber gar keine Guitarre geweſen, die Töne hatten einen entzückend friſchen Klang gehabt, wie ſich die Mädchen Guitarrentöne gar nicht vorſtellten.„Ich glaubte mich in den Süden ver⸗ ſetzt!“ ſagte Lucie.„Eine Gondel unter unſerem Fenſter in venetianiſcher Nacht! Geſtehe, du Stadtkind, daß eine ſolche Poeſie nur auf dem Lande möglich iſt!“
Johanna, ſo jung ſie war, hatte ſchon zwei Saiſons hindurch eine gefeierte Rolle in den höchſten Kreiſen der Reſidenz geſpielt und mit
Hausblätter. 1864. IV. Vd. 2


