Jahrgang 
3 (1864)
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478 Spätes Erkennen. Von Moritz Horſt.

ſein Herz und Geiſt Klarheit und Geſundheit wiedergewinnen konnte In der weichen, traumvollen Mondnacht ließ er ſein Herz von jener Traurigkeit durchfluten, welche ihn mit Corona's Augen vor Jahren und heut gegrüßt und die er jetzt und noch oft in der Erinnerung eine himmliſche benannte. Er wußte, der Tag, das Sonnenlicht werde ſie wieder verbannen, morgen lachte er vielleicht darüber, daß er einſam die Stunden verbringen müſſe, die jene ſchöne verführeriſche Katharine ihm ſo gern geſchenkt hätte, die jetzt in entgegengeſetzter Richtung die kleine Stadt verließ, und die nun ſeine Feindin geworden ſein mußte. Das Beſte, was der Menſch in ſich erlebt, wird ihm ja nur auf Augenblicke, dann treten die Erde, die Welt wieder in ihre Rechte.

Unter den Kameraden, das wußte Albrecht, wuͤrde er das eben Er⸗ lebte nicht mehr begreifen, wohl aber da draußen auf der ſilbernen Flut, allein mit ſich und dem Geiſte, der einſt Corona's Herz mit ſeinen Augen und ſeiner Stimme gegrüßt und an dieſem Abend ſeine Seele durch ſie. Wenn der Sturm die jetzt ſo ſpiegelglatte Fläche aufjagte, daß die Wellen aufſprangen, wildſchäumende, von Schaummähnen umflatterte Roſſe, wenn er zwiſchen ſich und den rollenden Waſſerbergen nichts mehr wußte, als ein paar ſchwanke Planken, keinen Vermittler zwiſchen ſich und der ent⸗ feſſelten Naturkraft, wo er Auge in Auge mit ihr um ſein Leben rang, mit Aufgebot aller geiſtigen und phyſiſchen Kräfte, wenn in ſolchem Kampf um die Eriſtenz ſich in eine kurze Stunde, in einen Augenblick ſelbſt aller Reiz und alle Mühſal ſeines ſelbſtgewählten Berufes zuſammen⸗ drängte, alle jene unendliche Wechſel von Hoffnung und Furcht, Genuß und Entbehrung, die Ergebung in ein von Gott geſandtes Geſchick und die erneuerte Energie beim leiſeſten Hoffnungsſtrahl, dann würde die letzte Unterredung mit Corona, der Entſchluß jener Stunde ihm wieder ver⸗ ſtändlich werden, dann tönte ihm vielleicht durch Wellentoben und Sturmes⸗ pfeifen tröſtlich und feierlich jenesGott grüßt Dich, in der rauhen Sturmnacht wie in den zauberhaften, weichen Sommernächten, in Sternen⸗ geflimmer und weichen, lichtdurchfunkelten Welten, dort in furchtbarer Majeſtät, hier in holdſeligſter Lieblichkeit. Der goldene Schlüſſel zu den Schätzen des innern Lebens iſt, ſo lange wir ihn nicht mit unreinen Händen anfaſſen, immer eingrüß dich Gott.