2 Das Geheimniß des Advokaten.
Signallampe, welche das unmittelbare Nachfolgen eines Extrazugs auf einen Gepäckzug ankündigt, warnend zu rufen ſchienen:„Gefahr!“ Ihre Naſe hatte den Schnitt des Adlerſchnabels, ihr kleiner, feiner Mund zeigte den Ausdruck von Entſchiedenheit, und/ti ihrem dunklen Teint ſprach ſich eine gewiſſe Bläſſe aus. Im Uebrigen war ſie groß von Figur, ihr Haupt mit ſtolzer Anmuth gegen die Schultern geneigt, Hand und Fuß klein, vom zarteſten Bau.
Der Herr mochte zehn oder fünfzehn Jahre älter ſein als ſie. Auch er war ſchön, ausnehmend ſchön; doch lag in ſeinem Weſen eine ſchlaffe Gleichgültigkeit, die ſich ſelbſt ſeinem Geſicht mittheilte und deſſen Schön⸗ heit mit einem ſchwarzen Schleier zu verdüſtern ſchlen, dem Schleier müder Zerſtreutheit, welcher das Licht ſeiner Augen auslöſchte und das Lächeln ſeiner Lippen verwiſchte.— Daß ein ſo begabter Mann, wie er zu ſein ſchien, lebensſatt ſein ſollte, war an ſich ſo auffallend, daß man ſich des Gedankens nicht erwehren konnte, unter der ruhigen äußeren Haltung müſſe ein tiefes ſtürmiſches Geheimniß verborgen liegen, das kein ge⸗ wöhnlicher Blick zu ergründen vermochte.— Sein männliches Geſicht war blaß und dunkel; die gedankenvollen Augen blickten nur ſelten auf unter den dichten Wimpern, die ſie überſchatteten. Der Mund, die dünnen Lippen zeigten einen geiſtigen Ausdruck; aber dem Antlitz fehlte ein Zug,⸗ deſſen Mangel auch dem ſchönſten Männergeſicht ſeine Bedeutung raubt — man vermißte darin die Entſchiedenheit. 7
Da ſaß er, mit den feinen weißen Fingern auf dem Tiſch trommelnd und mit einem düſteren Schatten auf der ſchönen Stirne den Blick zu Boden ſenkend.— Der Schauplatz iſt ein Advokaten⸗Bureau in Gray's Inn. Es befand ſich noch eine Perſon im Zimmer, ein ältliches verbliche⸗ nes Frauenzimmer in einem etwas überladenen Putz. Sie nahm keinen
Theil an dem Geſpräch, ſondern ſaß in einem Armſtuhl vor dem lodern⸗ den Feuer und las in einer Zeitung, deren Blätter, ſo oft ſie dieſelben bewegte, in einer Weiſe knitterten und rauſchten, daß es der jüngeren Dame und dem Herrn durch Mark und Bein ging.
Der Herr war ein Advokat, Horace Margrave mit Namen, der Vormund der jungen Dame und der Vollſtrecker von ihres Onkels Teſta⸗ ment. Sie hieß Lenor Arden, war die einzige Erbin ihres in Nort⸗ hamptonſhire reichbegüterten Onkels John Arden und trat mit dem heu⸗ tigen Tage ihre Volljährigkeit an. Margrave war der vertraute und


