Jahrgang 
3 (1864)
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Das Geheimniß des Advokaten.

Von E. Dom. Brand.

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Erſtes Kapitel. In einem Advokaten⸗Bureau. Iſt dies nicht die ärgerlichſte Klauſel, die man erfinden konnte, um die Vortheile eines Teſtaments zu nichte zu machen? ſagte die Dame.

Jedenfalls muß die Bedingung erfüllt werden, oder Sie verlieren das Vermögen, entgegnete der Herr. Dann begann der Herr mit den

feinen Spitzen ſeiner weißen Finger auf ſeinem mit Marokin belegten

Schreibtiſch einen Marſch zu trommeln, während die Dame mit der Spitze ihres ſchmalen Fußes den Takt dazu ſchlug.

Denn der Herr war verſtimmt, und die Dame war es gleichfalls. Es thut mir leid, dies von ihr ſagen zu müſſen, da man ſehr junge und ſehr ſchöne Damen nicht gern in dieſem Zuſtand ſieht, und obſchon in dem zornigen Funkeln ihrer dunkelgrauen Augen etwas Zänkiſches lag, beſaß dennoch ihre Schönheit einen Zauber, der einen Mann von ner⸗ vöſem Temperament wohl beunruhigen konnte. Sie war ſehr ſchön. Ihr tiefbraunes Haar umwallte ihren Kopf in reicher Fülle und quoll in natürlichen Locken unter ihrem eleganten Pariſer Hut hervor. Ihre Augen waren, wie bereits bemerkt iſt, grau große graue, mit langen ſchwarzen Wimpern geſäumte Augen von weit gefährlicherem Ausſehen als alle anderen Augen, die je zum Verderben ehrlicher Männer erfunden wurden. Sie nahmen ſich aus wie zwei tiefe Teiche klaren Waſſers, von dunklem, ſchattenhaftem Schilf umzogen, wie ein paar verirrte Sterne an einem

tintenſchwarzen Himmel, und waren dabei ſo ſchön, daß ſie gleich der Hausblätter. 1864. III. Bd. 1