Von Wilhelm Müller. 469
St. Cyr einiges Bedenken eingeflößt hätte. Dieſer, welcher im Oktober von Napoleon in Dresden zurückgelaſſen worden war, hatte, von einem ſtarken Belagerungsheer eingeſchloſſen und vom Hunger bedrängt, am 11. November mit dem öſterreichiſchen General Klenau eine Kapitulation abgeſchloſſen, wornach die ganze Garniſon zwar kriegsgefangen ſein, aber ſofort nach Frankreich abgeführt und nach ſechs Monaten, in welcher Zeit ſie nicht gegen die Verbündeten dienen dürfe, ausgewechſelt werden ſollte. Dieſe ſeltſame Kapitulation wurde von den Monarchen, welche Napoleon nicht in die Verſuchung bringen wollten, dieſe 35,000 Mann noch vor Ablauf der ſechs Monate wieder gegen die Verbündeten zu führen, ver⸗ worfen und dem Marſchall, der mit ſeiner Mannſchaft ſchon auf dem Marſch nach dem Rhein war, anheimgeſtellt, ob er ſich lieber in Ge⸗ fangenſchaft begeben oder in das ausgehungerte Dresden zurückkehren und dort ſeine Waffen wieder empfangen wolle. Da er ſich für ſich und ſein Heer wenig Erfolg von einer Hungerkur verſprach, ſo wählte er das Erſtere und wanderte mit all ſeinen Offizieren und Soldaten in die Gefangen⸗ ſchaft. So reich dieſer Gewinn auch war, ſo hatte dieſes Ereigniß doch die Folge, daß die übrigen Kommandanten, wie in Glogau, Magdeburg, Erfurt, Würzburg, Mainz, mit der Uebergabe ihrer Feſtungen ſich nicht ſehr beeilten. Daher erklärte Davouſt, ſo ſehr ihm auch Bernadotte die Möglichkeit einer ähnlichen Behandlung auszureden ſuchte,„er wolle ſich bis auf Hamburgs letzte Trümmer vertheidigen und ſich unter deſſen rau⸗ chenden Ruinen begraben, damit noch nach Jahrhunderten von ihm und dem unglücklichen Schickſal der Stadt die Rede ſein ſollte.“
Dieſer äußerſte Schritt, um eine ſo berüchtigte Unſterblichkeit, die ihm ohnedies ſicher war, zu erlangen, war nicht nöthig; denn Bernadotte, welcher den Tag nicht erwarten konnte, an welchem er Dänemark ſeine Rechnung präſentirte, überließ die Belagerung Hamburgs dem nachrücken⸗ den General Bennigſen und zog am 4. Dezember mit 60,000 Mann in Holſtein ein. Er entwickelte eine Raſchheit der Aktion, wie man ſie im Lauf dieſes Jahres vergebens von ihm gefordert hatte, und wie ſie auf dieſem mit deutſch⸗däniſchen Protokollen und Noten ſo dicht beſäten Ter⸗ rain ſpäter noch öfters am Platz geweſen wäre. Am 16. Dezember war faſt ganz Holſtein in ſeiner Gewalt und ſein Hauptquartier in Kiel. Als auch Schleswig erobert war und die Dänen, von allen Großmächten ver⸗ laſſen, keine andere Wahl hatten, als entweder das meerumſchlungene


