I
Von Wilhelm Müller.
hier für den Frieden ſprach; es fand damit bei den anderen Mächten die kräftigſte Unterſtützung. Die ruſſiſchen Generale und Staatsmänner waren faſt alle gegen eine Fortſetzung des Kriegs und für Abſchluß des Friedens. Hatten ſie ſich ein Jahr vorher nur ungern bewegen laſſen, über die Weich⸗ ſel zu gehen und ſich am Kampfe Preußens zu betheiligen, ſo glaubten ſie jetzt vollends, nach Beendigung dieſes ruhmvollen Feldzugs, alles ge⸗ than zu haben, was man von Rußland fordern könne, und hielten es für große Thorheit, ſich in einem weiteren Feldzug für fremde Intereſſen zu ſchlagen. Nur Kaiſer Alexander, der ſeinem Gegner den Brand von Moskau nie verzeihen konnte und an die Dauer eines Friedens, wie Na⸗ poleon ihn allenfalls jetzt annehme, einen ſchlechten Glauben hatte, hegte eine andere Anſicht und wurde darin von Stein und dem auf Napoleon tödtlich erbitterten Korſen Pozzo di Borgo beſtärkt. Selbſt der König von Preußen, der übrigens erſt am dreizehnten November in Frankſurt eintraf, neigte ſich zum Frieden und äußerte ſich ſehr ungehalten über Gneiſenau und deſſen kriegeriſchen Anhang. Der klägliche Ausgang des preußiſchen Invaſionsheeres von 1792 ſtand ihm in ſeiner ganzen ab⸗ ſchreckenden Geſtalt vor der Seele, und vor Napoleons Widerſtandskraft in Frankreich hatte er einen ungemeſſenen Reſpekt. Dieſe Anſicht wurde im Kriegsrath von dem Generaladjutanten Kneſebek auf's entſchiedenſte vertreten und der Gedanke, Napoleon vom Thron zu ſtürzen, als eine „romanhafte fixe Idee der Enragirten“ im Blücher'ſchen Hauptquartier bezeichnet.
So hatte denn Metternich, welcher ſchon acht Tage nach der Schlacht bei Leipzig Friedensunterhandlungen eingeleitet hatte, ziemlich gewonnenes Spiel. Rußlands ſteigender Einfluß, Alexanders Begehrlichkeit nach der polniſchen Beute ſchienen ihm ſo bedenklich, daß er darüber Napoleons Gewandtheit, aus jedem Frieden den Krieg hervorzuzaubern, vergeſſen zu haben ſchien und bereit war, Napoleon das linke Rheinufer zu überlaſſen, wenn nur Oeſterreich Tirol und Illyrien wieder erhalte, in Italien ſeinen alten Einfluß geltend mache und von der polniſchen Beute ſeinen früheren Antheil wieder bekomme.
Unter ſolchen Umſtänden ging der Kriegsrath reſultatlos auseinander.
„Blücher und Gneiſenau konnten mit ihrer ſchlagfertigen Strategie nicht
durchdringen, mußten ihrem Heere Halt gebieten und vorläufig zuſehen, wie durch Vermittlung des franzöſiſchen Diplomaten Baron St. Aignan Hausblätter. 1864. I. Bd. 30


