52 Memoiren eines alten Gaſtwirths.
laſſen, daß ſie ſo etwas beabſichtige. Darum wolle und müſſe ſie fort, bevor es zu ſpät.— Das verſtehe ich nicht, habe ich gemeint; was zu ſpät werden ſolle? Du merkſt wohl, Bruder!— Und da hat ſie die
Augen niedergeſchlagen und iſt ſo roth geworden— du weißt ja, Gott⸗
fried, es ſchimmert ordentlich.— Es iſt, weiß Gott im Himmel, ſchade! Hätte ſie nur ein wenig, ein ganz klein wenig Vermögen, nur ſo etwas wie eine ordentliche Ausſteuer! Denn was ſie ſo heißt—!“ Meine Schweſter zuckte betrübt die Achſeln.
Ich aber bin davon gegangen und nach Hauſe, halb voll Glück, halb voll Traurigkeit. Daß ſie mir gut war, hatte ich nun erfahren— im Hauſe und bei ihr ſelber hatt' ich's nie ſo recht geſpürt— aber zugleich war mir beſſer als je klar geworden, wie halsſtarrig und eigenſinnig ſie ſein könne. Hatte ſie ſich einmal dergleichen in den Kopf geſetzt, wie meine Schweſter berichtete, ſo war wenig Hoffnung, daß ſie ſich davon abbringen ließ, am wenigſten durch mich, der ich all die guten Vorſätze vom Sommer und Herbſt umſonſt gefaßt und in unſerem Verkehr und Beieinanderſein nicht dreiſter, ſondern ſchier immer ſchüchterner geworden. Das iſt nun einmal nicht anders. Solches ſind ja die weltbekannten Wirkungen der Liebe.
Als ich nach Hauſe kam, traf ich meinen ſeligen Vater grade beim Amtsblatt, das juſt angelangt war, und im nächſten Augenblick ſagte er, die Brille auf die Stirn ſchiebend und ſich zurücklehnend:„Na, das ſind mir ſchöne Geſchichten! Da iſt ja unſer wilder Vogel, der Kerbſtein—“ ich habe, glaub' ich, noch nicht angeführt, daß der falſche Hohneck dieſen Namen führte—„aus dem Zuchthauſe echappirt. Sie führen an, daß die Spur gegen das H— ſche zu führe. Der pfeift ihnen was, der ſchlaue Hund!“—„Herr Gott,“ meinte ich erſchrocken,„das iſt nicht gut. Da werden wir ihn am Ende doch noch hier haben. Ihr wißt ja, Herr Vater, wie er damals fluchte und ſich verſchwor—“
Ich hätte mich gern ſelber geohrfeigt, da ich das in der Ueberraſchung
herausgeſagt, denn die Frauenzimmer, die dabei ſaßen— es war ſo um halben Nachmittag, wo es nichts zu thun gab und wir in der Wohn⸗ ſtube ein bischen zu vespern pflegten— fingen ſchon an mit„Ei!“ und
„Ach!“ und„ach Herr Jeſus!“ Und der Alte warf mir einen grimmigen Blick zu und grollte:„na, was ſchwatzeſt du da, Hans Haſenfuß? Biſt doch ein Jammerbild mit deinen Dummheiten und haſt das Herz immer


