12 Memoiren eines alten Gaſtwirths.
wie ſie's als junge Frau freilich nöthig gehabt, während jetzt davon längſt keine Rede mehr war. Aber wenn der alte Herr ihr einen Trumpf in den Weg ſtellte und ſie dann in Ruhenließ, beſann ſie ſich gewöhnlich bald, verſchluckte den Aerger und kam wieder mit ihrer Gutmüthigkeit zu Platz, und ſo ſagte ſie denn auch, als wir nach dem Nachteſſen ein⸗ mal zuſammentrafen, ſchon ganz herzlich:„das arme Ding droben hat ordentlich ein wenig Fieber. Hab' ihr Fliederthee gegeben zum Schwitzen und ihr zugeredet. Und da iſt mir in den Kopf gekommen— wie wär's, Alter, wenn wir'nmal bei Steuerraths anfragten, ob ſie noch eine Jungfer brauchen oder ſchon verſehen ſind?“
Mein ſeliger Vater ſchüttelte den Kopf.„Nun ja,“ meinte er,„es wird wohl nicht viel Anderes übrig bleiben. Grad' heraus, am liebſten behielt' ich ſie ſelber, aber das geht freilich nicht. Erſtens iſt kein Platz — zum Zimmermädchen iſt ſie zu gut, iſt doch immer eine Hauptmanns⸗ tochter!— und zum zweiten iſt ſie auch zu hübſch. Das ginge bei den jungen Schleckern, die da zur Meſſe her kommen, all mein Lebstage nicht. Aber mit Steuerrath's— na, Alte, wenn ich'n junges Mädel wäre, ich ginge dahin nicht. Aber was hilft's! Viel Wahl wird ſie aller⸗ dings nicht haben, jetzt iſt jedermann verſehen, und ſo magſt du immer⸗ hin einmal anhorchen und dich umſehen, was ſie zu leiſten hat und dafür kriegt. Uebereil' es aber nicht. Schreiben an die Mutter ſoll ſie oder will ich, das ſchickt ſich nun'nmal ſo— da gehen immer noch'n paar Tage darüber hin, und die kann ſie ſich ſchon hier im Hauſe nützlich machen. Wir ſehen dann auch gleich, wie es richtig mit ihr iſt, und ob wir ſie ganz und gar empfehlen können.“ Dabei blieb's denn.
Am folgenden Morgen war Manſell Agnes ſreilich noch etwas lahm, im Uebrigen aber ſo ziemlich wohl auf, und da man ihr anzeigte, was man mit ihr im Sinn habe, wurde ſie ordentlich ſtrahlend vor Dankbar⸗ keit, lachte und weinte durcheinander und wußte nicht, was ſie alles den beiden Alten zu Liebe thun ſollte, die es nach ihrem Ausdruck ſo gut mit ihr machten als ſeien es ihre richtigen Eltern. Man ſah's nun und noch beſſer in den nächſten Tagen, daß ſie eigentlich ein gar fröhlich Herz habe, neckiſch und munter ſei und lachen könne, wie ich nie ein Menſchenkind wieder habe lachen hören— es war ſo hell und friſch und luſtig, daß es Einem ſelber ganz kreuzfidel dabei zu Muth wurde, und klang accurat ſo, als wenn im Frühling die wilden Vögel jubelnd durch den grünen


