458 Phyſiognomien der Schweizer⸗Seen.
um nach Immenſee zu kommen, und dabei die berühmte„hohle Gaſſe“ kennen zu lernen. Bald nachdem man Küßnacht verlaſſen, ſteht man zur Rechten einen bewaldeten Hügel liegen, und ein kleiner Mauerüberreſt zeigt die Stelle an, wo einſt die ſo gehaßte und gefürchtete Zwingburg des Landvoigts Geßler ſtand, wo dem Tell ewige Kerkernacht drohte— ſie fiel!— Der Weg iſt übrigens jetzt durchaus keine„hohle Gaſſe“ mehr, obgleich er noch immer zur Erinnerung dieſen Namen führt; aus dem eng abgeſchloſſenen Bergpaß iſt eine gut gebaute Fahrſtraße geworden, und nur eine kleine am Wege liegende Kapelle, die Tellskapelle, erinnert an die Vergangenheit.— Es war jetzt faſt dunkel geworden, und meine Phantaſie arbeitete geſchäftig, angeregt durch die früheren Ereigniſſe; ſie zerſtört die Straße, zerklüftet die zu den Seiten ſich erhebenden Hügel, läßt die Felſentrümmer in die Tiefe rollen und ſtellt den unwegſamen Engpaß wieder her; unwillkürlich ſucht das Auge die„Bank von Stein“ am Wege, den verbergenden„Hollunderſtrauch“ auf der Höhe; ſieht das flehende Weib des im Gefängniß Verſchmachtenden,„der überm Abgrund weg das freie Gras abmäht von den ſchroffen Felſenwänden, wohin das Vieh ſich nicht getraut zu ſteigen,“ vor den Pferden des hochmüthigen Landvoigts liegen, ſieht ihn vom ſicheren Pfeil getroffen zuſammenſinken Mein Auge richtete ſich ſpähend nach den Bergſpitzen, ob keine Freuden⸗ feuer aufleuchten, die Befreiung der Schweiz verkündend. Und ſiehe, dort auf der Höhe flackert ein Lichtſtrahl auf, er verſtärkt ſich und bald flammt ein luſtiges Gebirgsfeuer vor meinen Blicken! Und dort? Dasſelbe Schauſpiel! Leuchtend ſteigt die Flammenſäule zum Himmel! Träume ich, fielen erſt jetzt die Zwingburgen der Schweiz, oder feiert man heute ein beſonderes Feſt? Ich erwartete weitere Feuerzeichen, aber vergeblich mehr und mehr ſinkt die ſchwarze Nacht herab, die Berge umher ſchützend in ihren dunkeln Mantel hüllend, und auch die beiden Flammen, die mich ſo überraſchten, verlöſchen allmälig.— In Immenſee war mein Forſchen nach den Urſachen der geſehenen Feuer vergeblich und man wußte mir keine Auskunft zu geben, als durch die Vermuthung, daß möglicherweiſe ein Senne ſie angezündet zum Gruße ſeiner Liebſten, die ihm dann ebenſo geantwortet habe. Auch gut, ſo waren es Freudenfeuer der Jetztſchweiz!— Als ich am andern Morgen aus wunderlichen Traumbildern, die meine erregte Phantaſie umſpielt hatten, erwachte, ſah ich die Berge be⸗ reits im hellen Sonnenſcheine liegen. Die Erinnerungen an die Genüſſe


