Jahrgang 
2 (1862)
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466 Frühlingstage auf einem Schloß im Harz. Von E. A. Wolmer.

des Harzes hörte man noch längere Zeit hindurch das dumpfe Rollen des Donners.

Wie wohl that nach einer ſolchen Wanderung die Ruhe in dem kühlen Schloßgarten, den wonnige Wald⸗ und Blumendüfte durchwogten! An ſtillen Abenden nahmen wir in einer der dichten Lauben beim Schein der Lampe unſre Abendmahlzeit ein und ſaßen dort in heiterem Geſpräche, bis Mond und Sterne am Himmel heraufzogen und den alten Thurm, die dunklen Baumgruppen im Garten und die fernen Gebirgshöhen mit träumeriſchem Schein beglänzten.

Kurz vor meiner Abreiſe fand ein großer Jahrmarkt im Städtchen ſtatt, der mir Gelegenheit bot, die eigenthümlichen und mitunter recht hübſchen Trachten der ſechs Meilen in der Runde wohnenden Landleute kennen zu lernen. Hier wanderten ältere Männer mit langen weißen leinenen Röcken, kurzen leinenen Beinkleidern, rothen Tuchweſten, ſchwarzen Halstüchern und dreieckigen Hüten oder Pelzmützen; dort junge friſche, rothwangige Mädchen mit hellfarbigen oder bunten Röcken, enganſchlie⸗ ßenden dunklen Miedern, weißen Schürzen und kleinen Mützen, die mit Stickereien und langen bunten Bändern geziert waren. Hier ſchritten behäbige ältere Frauen in dunklen Röcken, Miedern und Mützen dahin, und dort kräftige junge Burſchen mit blauen, braunen oder grünen tuchenen Jacken, langen weiten leinenen oder tuchenen Beinkleidern, rothen oder bunten Weſten und hellfarbigen Halstüchern.

An einem Sonntag Morgen mußte ich endlich von dem Schloß und deſſen Bewohnern Abſchied nehmen. Mein Oheim, meine Tante und meine Couſine gaben mir eine kurze Strecke das Geleite, und dann wan⸗ derte ich beim Klang der Morgenglocken allein der nächſten Eiſenbahn⸗ ſtation drunten in der ſonnenbeglänzten, blühenden Ebene zu. Die Er⸗ innerung an die ſchönen, poeſiereichen Tage auf dem Harzſchloß begleitete mich noch lange durch das Getümmel der großen Welt.