Marme in ſich
Von O. Otto. 23
und man muß denſelben nur wecken, damit er ſeine Schwingen entfalten kann. Denken Sie nach, was Sie wohl leiſten könnten. Sie haben mir in Ramlöſa ſo hübſche Skizzen gezeigt, welche Sie von der dortigen Ge⸗ gend aufgenommen und mir ſelbſt erzählt, daß Ihre Mutter oft geſagt hat, Sie müßten Maler und nicht Geiſtlicher werden. Bei Ihren An— lagen kommt es ſicher nur auf einen guten Unterricht an, um Ihr Talent zu entwickeln und Sie vielleicht zu einem tüchtigen Maler heranzubilden. Faſſen Sie Muth, dieſen Gedanken in ſich zur Wirklichkeit zu erheben, beben Sie nicht vor dem dornenvollen Wege des Anfängers zurück und ſcheiden Sie von dieſer heiligen Stätte mit dem feſten Vorſatz, ſich hin⸗ fort der erhabenen Kunſt zu weihen. Thorwaldſens Genius hat Sie dazu begeiſtert.“
„Nora, was machen Sie aus mir!“ flüſterte Arwed, indem ſeine Stimme vor innerer Erregung bebte.„Sie gebieten über mein Leben, und was Sie wollen, iſt mir Geſetz. Sie ſind der Genius, der mich einer andern Welt zuführt, in der ich fortan leben oder untergehn will.“
„Kommen Sie,“ ſagte Nora raſch,„kommen Sie in das Muſeum,
wo meine Mutter uns erwartet; dort an Thorwaldſens Grab, welches ſo hochpoetiſch inmitten ſeiner Schöpfungen ſich befindet, ſollen Sie ſeierlich
mir wiederholen, was Sie hier verſprochen haben; an dem Grabhügel des großen Mannes ſollen Sie mir ſchwören, Ihr Leben der Kunſt zu weihen.“ —„und wenn ich dann auch ein Verſprechen von Ihnen forderte, wür⸗ den Sie es leiſten?“ fragte er, ihre Hand heftig an ſeine Lippen preſſend. —„Ich glaube, daß ich das Verſprechen, welches Sie von mir fordern könnten, auch leiſten dürfte,“ antwortete Nora weich und bebend.—
Arwed an Nora.
Ich kann Sie nicht mehr wiederſehn, Nora, und muß deßhalb den ſchriftlichen Weg einſchlagen, um eine hohe, ernſte Frage an Sie zu rich⸗ ten, eine Frage, welche über mein Leben entſcheidet.— Die Worte, welche Sie geſtern vor der Chriſtus⸗Statue zu mir geſprochen, ſind wie glühende Funken in meine Seele gefallen und haben in derſelben eine Flamme ent⸗ zündet, die mein armes Hirn zu verbrennen droht. Ich bin mit meinem, von meinem Vater gewählten und von mir ſtets gebilligten Lebensplan gänzlich zerfallen und fühle es im tiefſten Herzen: ich kann jetzt nicht mehr ſchwediſcher Landpfarrer werden, kann, wie Sie ſagten, die mühſam
gepflegten Früchte meines Geiſtes nicht bloß vor den ungebildeten Bauern


