Jahrgang 
2 (1862)
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22 Am Ziel.

durchſchritt ſie raſch die Kirche und führte ihn vor den Altar, wo in dunkelrother Niſche die Marmorfigur des Heilands ſich erhebt. Arwed ſchlug die Augen auf und taumelte wie geblendet zurück. Nora weidete ſich mit ſtummem Entzücken an ſeiner Bewunderung.

Nicht wahr, ein ſolches Meiſterwerk exiſtirt nicht mehr auf Erden? fragte ſie endlich leiſe.Blicken Sie in dieſe Züge, die auf wunderbare Weiſe Geiſt, Milde, Frömmigkeit und Demuth vereinen; ſchauen Sie auf die erhobenen Arme, welche die Worte zu verdeutlichen ſcheinen:kommet alle her zu mir, die ihr mühſelig und beladen ſeid, und rufen Sie mit mir aus: So muß der Erlöſer der ganzen Menſchheit ausgeſehn haben! Die ganze Geſtalt iſt ſo ſchön, daß man vergißt, daß ſie aus Marmor gefertigt iſt, denn die Glieder ſcheinen zu leben und der Stein ſich in Fleiſch und Bein verwandelt zu haben. Sehen Sie, fuhr ſie nach einigem Stillſchweigen fort,wer ein ſolches Werk ſchaffen kann, den nenne ich begnadet von Gott, der hat ſich Ehre, Ruhm und Glanz für ewige Zeiten erworben. Ich ſtelle den Künſtler über alle Menſchen. Sie mö⸗ gen auch denken, wie viele Andere von mir es glauben, daß ich großen Werth auf Geld und Gut, Glanz und Rang lege; aber Sie irren in mir. Weil ich mein ganzes Leben hindurch in äußerlich glänzenden Verhält⸗ niſſen gelebt habe, ſind mir dieſelben bequem geworden, ſo daß ich mich gern von ihnen forttragen laſſe, ohne ſie deßhalb als Lebensbedürfniß an⸗ zuerkennen. Wäre ich eine künſtleriſche Natur, oder könnte ich mich nur für immer an eine ſolche anlehnen, den Genius in ihr erhalten und an⸗ regen, ich wollte gern allen Flitter des Reichthums dafür hingeben und in Beſchränktheit und Armuth leben! Sie deckte ihre feuchten Augen eine Minute lang mit der rechten Hand zu und ſagte dann leiſe:Warum ſind Sie kein Künſtler?

Hören Sie auf zu ſprechen, rief Arwed bewegt,wenn Sie fort⸗ fahren ſo zu reden, hier in dieſer Umgebung, die mich ohnehin bezaubert hat, dann fühle ich, daß mein bisheriger Menſch zuſammenfällt und ein neuer ſich aus dem Schutt erheben will. Dann fühle ich, daß, was ich bisher gedacht und gethan, was ich bisher ſo hoch geſtellt, mir jetzt nicht mehr genügen kann. Dann fühle ich, daß ich der glücklichſte Menſch ſein könnte und doch der unglücklichſte bin! O, ich möchte ein Künſtler ſein!Möchten Sie das? erwiderte Nora freudig, indem ihre brau⸗ nen Augen mit einem wunderbaren Glanzblick auf Arwed ruhten.Möch⸗ ten Sie wirklich ein Künſtler ſein, dann lebt auch der Genius in Ihnen