Jahrgang 
4 (1860)
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O du lieber Auguſtin!

daß ſie ſich ſchwerlich je entſchließen würde ihm die Hand zu reichen. Er hatte nie daran gedacht, ſich von ſeinem Verdienſte einen Nothpfennig zurück⸗ zulegen; ſchnell und jubelnd, wie er ſein Geld erwarb, wußte er es auch wieder unter die Leute zu bringen, während ſie das Tandlergeſchäft ihres Vaters, das ſchon ſeinen Mann zu ernähren vermochte, beſaß und Spar⸗ ſamkeit von ihrem Vater gelernt hatte. Der Auguſtin war ſchon ein derbes Stück in die dreißiger Jahre hinein und eben kein Adonis von Schönheit, während die Thereſt, obgleich ſte ſchon fünfundzwanzigmal hatte die Schwal⸗ ben wiederkehren ſehen, noch immer ein Mädchen war, um die ſich ſtattlichere Freier die Hälſe brechen konnten. Dabei war ſie von ſtiller, ernſter Natur, ſchüttelte manchmal gar ſehr den Kopf über Auguſtins leichtſinnigen Lebens⸗ wandel und predigte ihm öfters ſo entſchieden die Moral, daß der Auguſtin meinte, es ſei ſchade um ſolch ſauberes Weibsbild, daß ſie gar zumoraliſch ſei. Er hatte ihr aber doch zu tief in die ſchwarzen, gefährlichen Augen geſchaut, ſeine Gedanken hatten ſich nun einmal ſchon zu viel mit ihr be⸗ ſchäftigt, und er ſchmachtete in Liebe zu ihr mit all der Herzenstiefe, mit der Männer lieben, bei denen die Liebe ſich erſt in reiferen Jahren einſtelle.

An einem froſtigen Oktobermorgen ſchien die Sonne bereits ziemlich hell, ſo hell wie ſie es überhaupt im Oktober nur noch vermag, und warf wärmende Strahlen in Auguſtins kleines, ärmliches Dachzimmer, deſſen ganzer Hausrath aus einem von zahlreichen Wurmlöchern bedeckten Tiſche, zwei Holzſtühlen und einer Bettlade beſtand, die in ihren jüngeren Tagen wohl einmal mochte grün angeſtrichen geweſen ſein, wie wenige dürftige Ueberreſte der Hoffnungsfarbe verriethen, welche man noch an einzelnen Stellen der Seitenwände bemerkte. Rechnet man zu dieſem Eigenthum des Zimmervermiethers einen kleinen Mantelſack, deſſen bedenkliche Falten und Runzeln Verräther ſeiner gänzlichen Inhaltsloſigkeit waren, einige Teller und Löffel, welche nebſt Gabel und Meſſer in Gemeinſchaft mit einer Tabakspfeife, einer mit Rauchtabak gefüllten Schweinsblaſe und verſchiede⸗ nen Notenbüchern in buntem Gemiſch das Brettchen über der Stubenthür einnahmen, zwei an der Wand hängende Geigen und einen zerbrochenen Raſirſpiegel, der jedes menſchliche Antlitz, das ſich in ihm beſchauen wollte, zum vierfach getheilten Zerrbilde machte, nebſt der Garderobe, theils auf den Stühlen, theils auf dem Fußboden herumliegend, ſo wie ſie in der vorher⸗ gegangenen Nacht der Auguſtin von ſich geworfen ſo konnte man mit einem Blicke den geſammten Beſitzſtand des Zimmerbewohners überſehen,

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