Jahrgang 
3 (1860)
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Die Berauſchung durch Hanf. Von Hermann Emmerich.

Der ſchauerliche Bann war aber immer noch nicht ganz gebrochen, denn in den nächſtfolgenden Tagen hatte ich einige Anfälle von Geiſtesabweſenheit. Während ich in den Straßen von Damaskus umherſchlenderte, glaubte ich an einem ganz andern Orte zu ſein. Erſt in der reinen Gebirgsluft des Antilibanon und auf einem Ritte nach Baalbek gewann ich wieder körper⸗ liches Wohlbefinden und geiſtige Kraft. Paradies und Hölle lagen für immer hinter mir. So weit Bayard Taylor.

Viele Aerzte behaupten, daß Haſchiſch in mäßigen Gaben genoſſen

ebenſo wenig ſchade wie das Theetrinken; in Indien nimmt man einen halben Gran des weiter oben erwähnten Teiges, um ſich Wohlbehagen zu verſchaffen; dabei leide weder Geiſt noch Leib. Dagegen bemerkt Graf d'Escayrac(die afrikaniſche Wüſte und das Land der Schwarzen am obern Nil. Leipzig, 1855. S. 98), daß fortgeſetzter Gebrauch ſtarker Gaben für die Geiſteskräfte nachtheilig ſei. Man erkennt die Liebhaber des Hanfrauchens, die ſogenannten Haſchaſch, in den Bazaren zu Kairo und Damaskus auf den erſten Blick. Der Hanfraucher iſt im gewöhnlichen Leben mürriſch, träumt vor ſich hin, bleibt jeder Bewegung abhold und redet nicht gern. Gleich dem Opiumraucher hat er geſenkte, halbgeöffnete Augen und läßt den etwas wackelnden Kopf gern nach vorne überhängen; beim Rauchen wirft er ihn nach hinten, ſchlägt den Blick gen Himmel, als ſei er in Verzückung, bläst die Naſenlöcher weit auf und läßt den Dampf aus ihnen herausſtrömen. Der Zucker iſt ein mächtiger Hülfsgenoſſe des Haſchiſch; aber Limonade ohne Zucker arbeitet ihm entgegen, aber noch mehr kaltes Waſſer oder Eis, das man auf den Kopf legt. Die Haſchaſch im Orient ſagen, ohne vorheriges Faſten ſei ihr wahres Glück und der höchſte Genuß nicht zu erreichen. Wenn ſie den letztern ſich verſchaffen wollen, eſſen ſie vier bis ſechs Tage vorher nur leichtes Gemüſe, kein Fleiſch, ſondern reifes Obſt und viel Zuckerſachen; auch rauchen ſie dann keinen Tabak und vermeiden jedes ſtarke Getränk. Vermittelſt einer ſolchen Weihe befähigen ſte den Körper dahin, daß das Nervenſyſtem die Wirkungen des Hanfes in vollem Maße empfinde; ſie bauen dadurch auch dem allzu ſtarken Blutandrange nach dem Kopfe vor, die ſich, wie in Bayard Taylors Fall, nach einer reichlichen Mahlzeit und dem Genuſſe geiſtiger Getränke unfehlbar einſtellt. In manchen Städten werden Kaffeehäuſer geduldet, die ſogenannten Mehſchaſch, in welchen die

gemeinen Leute Haſchiſch genießen, in andern Gegenden ſind ſie verboten.