Der Handkuß.
Laſſen Sie mich ziehen!“—„Und wäre dieſe Ungeduld, dieſe Haſt andere Lüfte zu athmen, nicht etwa gar ein unwillkürliches Eingeſtändniß, daß du doch noch nicht ſo ganz abgeſchloſſen mit deinen Neigungen, deinen Wünſchen? Flieheſt du nicht etwa die Gefahr, die Befürchtung, der An⸗ 4 blick Leonorens werde mächtiger ſein, als dein Wille ihr zu entſagen?“— „Nehmen Sie doch jetzt auf einmal einen Antheil an dem Bruche zwiſchen mir und Mademoiſelle Enoch, Vater, den Sie den erſten Regungen einer möglichen Verbindung nie gezeigt haben. Wie ſoll ich das deuten? Hat ſich irgend etwas, Leonorens Vater und Sie betreffend, zugetragen, was— 2 „Nicht das Geringſte,“ unterbrach ihn der Reichsrath ſchnell,„nicht das Geringſte! Enoch weiß, daß es mir lieb geweſen wäre, ſeine Tochter meines Sohnes Gemahlin werden zu ſehn, und ich weiß, daß er auch nichts dagegen gehabt hätte. Doch das iſt eure Angelegenheit,— ihr ſeid frei, das verſteht ſich von ſelbſt. Sprechen wir nicht weiter davon. Du willſt reiſen; du erwarteſt Ehre und Dank, wenn dir gelingt ein aller⸗ höchſtes Vertrauen zu rechtfertigen. Dagegen läßt ſich nichts einwenden. Triff deine Anſtalten. Reiſe!— Du brauchſt Geld, viel Geld, das ſeh ich ein; ich werde die meinigen treffen. Durch mich darf kein Aufenthalt verurſacht werden. Wir haben unſere Vorbereitungen zu beſchleunigen, damit kein Anderer ſich dazwiſchen dränge. Nach ſolchen Gelegenheiten, ſich brauchbar und nützlich zu erweiſen, haſcht alles, was in der Nähe eines Hofes athmet. Nimm dieſe wahr!“ Iſtdor verließ ſeinen Vater, feſt entſchloſſen keine Stunde länger zu verweilen als nöthig, und ebenſo feſt uͤberzeugt, es werde dem freigebigen Herrn ſehr leicht fallen, ihn reichlich auszuſtatten, um ſo leichter, weil es am Ende doch der väterlichen Eitelkeit ſchmeichle den einzigen Sohn bevor⸗ zugt zu ſehen.„Dieſe mir gegönnte ehrenvolle Auszeichnung,“ meinte er,„wird den Papa tröſten über den Fehlſchlag ſeiner Abſichten auf meine Verheirathung, ſo wie die Reiſe mit ihren Zerſtreuungen mich— hoffent⸗ lich!— vergeſſen lehren wird, was jetzt leider noch unvergeßlich ſcheint!“— So täuſchte ſich der Sohn über ſich ſelbſt und über ſeinen Vater. Denn dieſer blieb, nachdem Iſidor ihn verlaſſen, rath⸗ und troſtlos allein. Der Leichtſinn, welcher ihm, einem doch ſchon bejahrten und ſonſt ernſten Geſchäftsmanne, bisher ſtets zur Seite geſtanden, wo es auf ſtrenge Prüfung ſeiner zerrütteten Finanzen ankam, deren traurigen Verfall er geſchickt zu verbergen gewußt,— dieſer Leichtſinn wollte heute zum erſten⸗
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