Jahrgang 
2 (1860)
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480 Allerheiligen. Von Friedrich Lampert.

Felſen gehauen werden, dort hat er ſich durch Holztreppen, die vom ewig hinaufſchäumenden Waſſer glatt und ſchlüpfrig ſind, ergänzt; aber er führt doch ſicher hinab, an allen den in wilder Haſt hinabtoſenden Fällen vorbei und läßt einen jeden in eigenthümlichem Reiz hervortreten, bis wir die 1700 Fuß hinunter und auf dem grünen Thalboden, dort wo in dichtem Waldesſchatten der alte Steintiſch ſteht, angelangt ſind und hier, von dem Waſſergetöſe umbraust, vor dem die menſchliche Stimme kaum mehr auf⸗ kommen kann, den beſten Blick auf den zuletzt ſich wieder hoch aufbäumenden Doppelfall thun können.

Wir laſſen es uns nicht verdrießen, denſelben Weg die Fälle entlang wieder zuruͤckzunehmen; ein ganz anderes Bild ſtellt ſich uns wieder dar. Ihm entgegentretend, glauben wir in jedem Abſturz einen neuen zu ſehen,

und doch iſt's derſelbe, an dem wir vorhin ſchon vorüber gekommen ſind.

Vorhin dachten wir nur an das Ende dieſer tollen Waſſerjagd, jetzt können wir ruhiger ihren Anfang, ihr Werden überblicken. Wie wir den Bach unten, nach dem letzten Fall, aus dem letzten Baſſin, in dem jeder Abſturz zu neuem Fall ſich geſammelt hat, ruhig und gleichmäßig hinfließend, in das üppig grüne Lierbachthal zur Weiterreiſe nach der ſeiner wartenden Rench eintteten ſahen, ſo finden wir ihn auch oben, wo wir ausgegangen waren, wieder Anfang und Ende einfach, faſt unbedeutend, dazwiſchen die wilde, brauſende, kurze Lebensmitte.

Der Frühſtückstiſch wartet unſrer Ruͤckkehr. Aber die Sonne iſt höher geſtiegen und mahnt an den Aufbruch zur neuen Tagesfahrt. Der alte Förſter reicht uns zum letztenmale zum Lebewohl die biedere Hand hin. Leb' wohl! Gott ſchütz dich, Allerheiligen!