462 Eine Wanderung nach der Pleſſe.
lichen Geſange die Schönheit des Waldes und der Fluren pries, welche ihr entzückter Blick überſchaute. Zwei vorüberreitende Herren von Hardenberg, die grade mit denen von Pleſſe verfeindet waren, wurden durch den ſchönen Geſang angelockt, entdeckten das holde Burgfräulein und entführten es mit roher Gewalt nach dem Hardenberge.
Bald wurde das Fräulein auf der Pleſſe vermißt und überall vergebens geſucht, bis man endlich erfuhr, daß ſie mit räuberiſcher Gewalt nach dem Hardenberge gebracht ſei. Da ſchickte der Herr von der Pleſſe einen Herold nach dem Hardenberge und forderte die Geraubte ernſtlich zurück, aber die Hardenberger lachten der Drohungen und warfen den Herold gar ins Ver⸗ ließ. Nun verſchwor ſich der Herr von der Pleſſe mit ſeinen Burgmannen, nicht eher zu ruhen und zu raſten, bis ſie fürchterliche Rache genommen hätten, thaten den Hardenbergern in blutiger Fehde überall Schaden und Abbruch und machten endlich einen der Herren zum Gefangenen. Dieſen befeſtigten ſie nun mit eiſernen Klammern an den Wartthurm, ſo daß er das Geſicht dem Hardenberge zukehrte und Angeſichts der väterlichen Burg verhungerte. Die ſchöne Adelheid hatten die Hardenberger in ein Kloſter zu Northeim geſteckt, aus dieſem befreite ſie der Raugraf von Daſſel, der ſchon lange ein minnigliches Herz zu der Jungfrau trug, mit Gewalt der Waffen. Der Raugraf nahm die Holde, welche im Toſen des Waffenlärms ohnmächtig geworden war, vor ſich auf's Pferd und jagte mit ihr im ge⸗ ſtreckten Galopp nach Fredelsloh. Von dort trug er ſte auf ſeinen Armen nach dem Arenberg, hier wollte er die Ohnmächtige durch einen Kuß zum Leben wecken, aber ſein Mund berührte marmorkalte Lippen, und die ſchöne Jungfrau war todt.—
Aber nein! Nicht todt, ſondern in der blühendſten Fülle des Lebens ſteht Adelheid vor uns! Schaut nur da das ſchöne, hochgewachſene, blonde Mädchen, welches mit dem weißen Tuche und den tiefen blauen Augen den Gefährtinnen dort unten im Wege ſo freundlich zuwinkt! Eine ächte deutſche Jungfrau! Ganz ſo muß Adelheid von der Pleſſe ausgeſchaut haben, wenn der tapfere Raugraf von Daſſel oder ſonſt jemand, der ihrem Herzen lieb war, den Königsweg herauf kam. Alle Wetter, das Mädchen müßte ein Kaulbach ſehen, wenn er Wände oder Leinwand mit hehren Geſtalten der Vorzeit zauberiſch belebt!— Die möcht' ich ſchauen, wenn ſie auf ſchmuckem Zelter mit dem Falken auf der ſchlanken Hand dies grüne Revier durchflöge! Jugendluſt und Munterkeit durchglüht die ſchöne Waldfee, und es iſt, als
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