Ein unheimlicher Mann.
Anliegens befragt, gab er an, es ſei ihm unangenehm, oft mit Menſchen ſprechen zu muͤſſen, die für ihn bereits nicht mehr dem Leben recht angehör⸗ ten. Er habe neuerdings bemerkt, daß er nicht mehr ſo ſtark ſei, wie ehedem, und das habe denn einigemale zu recht ſtörenden Erörterungen geführt. Er ſehe voraus, daß ſeine Sehergabe ihn mit der Zeit allem Volke verhaßt machen könne, und um dieſem trüben Geſchick zu entgehen, wünſche er ſeiner Stellung enthoben zu ſein.
„Meinen Vorſtellungen ſchenkte der unheimliche Mann nur geringes Gehör, endlich aber brach er in die Worte aus:„Nun dann will ich ſchau⸗ feln und graben und die Lebenden als ihre eigenen Todesboten zu mir kommen ſehen, bis ich auch für Sie ein Grab werde aufgeworfen haben!“ Das raſche Wort ſchien Simon zu reuen. Er ſenkte die Augen und wech⸗ ſelte die Farbe.—„Bin ich etwa ſchon bei Ihnen geweſen?“ fragte ich.— Simon zitterte und ſchwieg.—„Geben Sie der Wahrheit die Ehre! Ich hoffe, der Tod findet mich nicht ganz unvorbereitet.“
„Er reichte mir die Hand und drückte ſie.
„Sie ſind der Erſte,“ ſprach er, ſein Auge langſam zu mir erhebend,
„dem ich die Hand reiche, nachdem ſie den Spaten in meinem Hauſe beruͤhrt hat. Vorgeſtern nach Sonnenuntergang— die Nebel lagerten feucht über dem bereiften Moor— ſah ich Sie auf meine Hütte zuſchreiten. Sie gingen im Ornat, als wollten Sie einem Kranken oder Sterbenden das letzte Abend⸗ mahl reichen. Als ſte mäher kamen, ſah ich, daß Sie den Kirchenſchlüſſel in der Rechten trugen. Ich trat zur Seite, Sie ſahen mich nicht. Die Thür meiner Hütte ging auf vor Ihnen, als drehe ſie ein unhörbarer Wind in ihren Angeln. Sie traten ein, ich folgte. Da erhoben Sie die Hand mit dem Schlüſſel, und dreimal fiel der gewichtige Stahl auf meinen Spaten, daß er klang, wie eine Glocke. Darauf wendeten Sie ſich, der Talar ſtreifte mein Gewand und im Nebel verſchwanden Sie meinen Blicken.“
„Solches geſchah am 10. Januar 180*, und zur Urkund dieſes habe ich meinen Namen darunter geſchrieben und es beſiegelt mit dem Inſtegel der Kirche von Moosburg.“
„Am 14. Januar deſſelben Jahres,“ ſchloß Paſtor Braun ſeine Mit⸗ theilung,„rührte meinen Vorgänger der Schlag vor dem Altare, am 15. bald nach Sonnenuntergang hauchte er ſeine Seele aus. Simon vom Moor hat ihn begraben. Es war die letzte Leiche, die er der Erde überga 4 Braun ſchloß das Heft, legte es in das Kirchenbuch und ſtellte dies wieder
an ſeinen Ort. 24


