Jahrgang 
4 (1859)
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Von Ernſt Willkomm. 5

und rüſtig bleibe, die Niederlaſſung eines andern praktiſchen Arztes auf der Herrſchaft Moosburg nicht zu dulden.

Adalbert glaubte dieſen letzten Wunſch des Sterbenden wohl erfüllen zu können, da es nicht denkbar war, daß ein kenntnißreicher Arzt Luſt bezeigen würde, in einer Gegend ſich niederzulaſſen, wo es ſo wenig für Aerzte zu thun gab. Ohnehin war die Zahl der Quackſalber, denen das Volk Vertrauen ſchenkte, nicht ganz unbedeutend, und mehr als Einer dieſer ſelbſtwüchſigen unbefugten Landdoktoren ſtand in hohem Anſehen. Auch waren die Mittel, die ſte zu empfehlen oder anzuwenden pflegten, nicht ganz zu verachten, wie Adalbert aus eigener Erfahrung wußte. Deßhalb wehrte er denn niemand, ſich dieſer ſtets unſchädlichen Mittel zu bedienen.

Die wichtigſte Stelle auf Moosburg war unſtreitig die des Gerichts⸗ direktors. Von dem Charakter des Mannes, dem dieſes Amt übertragen wurde, hing das Wohl der ganzen Herrſchaft ab. Adalbert berief deßhalb einen Studienfreund, von deſſen juriſtiſchen Kenntniſſen er eine eben ſo hohe Meinung hatte, als von ſeinem Beruf zum Richter, nach Moosburg und wies ihn hier als Gerichtsdirektor ein.

Gonthal war wenige Jahre älter als der junge Herr von Moosburg, geraden offenen Charakters, aber mehr ſtill als beredt. Er beobachtete gern und liebte es, ſich in neue Verhältniſſe erſt einzuleben, ehe er durch ſein Handeln beſtimmend in dieſelben eingriff. Eine Wohnung ward dem neuen Gerichtsdirektor im Schloſſe angewieſen. Es war dies beſonders für Adal⸗ bert angenehm, der jederzeit mit ſeinem erſten Beamten in wichtigen und unwichtigen Dingen Rückſprache nehmen und ihm überhaupt die zur Kennt⸗ niß der Verhältniſſe erforderlichen Inſtruktionen und Winke ertheilen konnte.

In den erſten Tagen nach Gonthals Ankunft waren die beiden befreun⸗ deten Männer faſt immer beiſammen, und der neue Gerichtsdirektor erhielt bei ſeinem Scharfblick und ſeiner Routine alsbald die gewünſchte Ueberſicht, ſo daß Adalbert mit vollem Vertrauen der Zukunft entgegenſehen durfte.

Mit ſeinem Vorgänger, der eine Wohnung außerhalb des Schloſſes bezogen hatte, traf Gonthal nicht zuſammen, auch Klagende hatten ſich während dieſer Zeit nicht gemeldet. Er fand alſo vollkommen Zeit, das Feld ſeiner zukünftigen Wirkſamkeit zu überblicken.

Unter den Erſten, welche Gonthal in rein geſchäftlichen Angelegen⸗ heiten zu ſprechen begehrten, fand ſich auch der bramarbaſtrende Regiments⸗ chirurgus auf dem Bureau des Gerichtsdirektors ein. Mit dieſem Manne war Gonthal ſchon mehrmals des Abends zuſammengetroffen, da Adalbert