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480 Piemont und das Haus Savoyen. Von Hermann Reuchlin.
Mincio oder Oglio bis zum Iſonzo, von Welſchtyrol bis an die neapolita⸗ niſche Grenze, und für wen anders als für den Prinzen Napoleon? Wenn nun erſt die Politik Cavours ihre Früchte wird angeſetzt haben, wenn Pie⸗ mont national⸗ökonomiſch ruinirt und politiſch von den Franzoſen zertreten iſt, wird die Stunde kommen, wo Piemont einſehen muß, daß es mit Oeſter⸗ reich auch gemeinſame Intereſſen hat, daß ſie beide unter ſich Oberitalien zu theilen, daß ſie viribus unitis die Franzoſen, aber ohne Erſatz für die ge⸗ habte Mühe, werden über die Grenzen bringen müſſen. Dazu trägt wohl auch ein Krieg am Rhein das Seinige bei, auf welchen hoffentlich Mazzini umſonſt lauert, um, nach dem Abzug der großen fremden Heeresmaſſen auf ein anderes Kriegstheater, ſeine Tragikomödie aufzufuͤhren. Es ſoll nicht verkannt werden, daß die Leidenſchaften in Italien durch große Leiden müſſen geheilt werden, bis ſie ſolche raison annehmen; auch hat Oeſterreich durch das Abwerfen ſeines Joſefinismus dem Principienkampf eine neue ſcharfe Schneide angeſchliffen, während die nationale Bewegung in Italien darauf zielt, dem Papſtthum und Klerus die weltliche Macht zu nehmen oder doch dieſe zu beſchränken. Aber die Noth iſt die Mutter der Erfindungen, und zum Beſten Italiens und Oeſterreichs, zum Beſten Deutſchlands und Curopas muͤſſen einmal wahre Staatsmänner die Anſprüche des geſchriebenen und des Naturrechts verſöhnen und zum Heil der Civiliſation dauernde Grenz⸗ ſteine ſetzen.
Die braven öſterreichiſchen Offiziere haben ſich in den Tagen, da Frie⸗ den und Krieg miteinander April ſpielten, gelobt, nicht mehr vom Frieden zu ſprechen bis ſie in Feindes Land ſeien— nun ſie da ſtehen und gehen, iſt es an den Staatsmännern ſich zu beſinnen, auf was ſte zielen wollen, wenn ihnen das Wort und die Entſcheidung gegeben werden. Daß die öffentliche Meinung weder der ſchwächſte, noch der kurzſichtigſte Staatsmann i*ſt, haben, glaube ich, dieſe letzten Monate gezeigt; deßhalb hat auch ſie ſchon jetzt ſich zu beſinnen, was durch den Krieg erzweckt werden ſoll. Daher mag auch in dieſen der Politik ſonſt fremden Blättern ein Wort über das erlaubt ſein, was die Gedanken Aller erfüllt.


