Jahrgang 
2 (1859)
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Eliſabeth.

Eine Geſchichte von

Eliſe Polko.

Kein Dorfgeſchichtenſchreiber hätte eine hübſchere Lage für die Heimat ſeiner Lieblingsgeſtalten erfinden können als die Lage der beiden Dörfer M. und N. Die niedern Häuſer mit den rothen Dächern ſtanden in dem Schat⸗ ten von Obſtbäumen, im Vordergrunde breiteten ſich fette Wieſen und Kornfelder aus, im Hintergrund zeigte ſich ein friſcher Laubwald, dem die dunkleren Partien, kleine Tannengruppen, auch nicht fehlten, und den Horizont begrenzte jene maleriſche Bergreihe, die ſich längs dem Rheinufer zwiſchen St. Goar und Bingen hinzieht. Jedes Dorf hatte einen ſchlanken Kirchthurm, auf dem einen ſchimmerte ein Kreuzlein, auf dem andern blitzte ein Wetterhahn. Die Kirchthüre in N. ſtand allezeit weit offen und trug die Inſchrift:Kommt her zu mir alle, die ihr mühſelig ſeid und beladen ich will euch erquicken. Ueber der Kirchthüre des andern Dorfes ſtand keine Inſchrift, und der alte Küſter, der zugleich Schullehrer war, ſchloß ſie nur des Sonntags auf oder zu Trauungen und Kindtaufen. In jener offenen Kirche waren buntgemalte Fenſter, die einen warmen lieblichen Schein warfen auf die dunkelbraunen geſchnitzten Betſtühle und die Steine des Bodens, auf dem ſinnig geſchmückten Altar ſtanden im Sommer friſche Blumen in ſilbernen Gefäßen um das Crueifix, und brennende Kerzen, und inmitten der Kirche hatte man eine lebensgroße heilige Mutter aufgeſtellt mit dem Jeſuskind im Arme, in einem blauen Mantel, deſſen Saum mit ſilbernen Sternen geſtickt war. Die ewige Ampel ſchimmerte ſanft und graue Weihrauchwolken zitterten wie Nebelſchleier durch den geweihten Raum. Kühl und würzig war die Luft in dem Kirchlein, denn die liebe Sonne kam herein durch die weit offene Thüͤr mit den frommen Betern zugleich.

Hausblätter. 1859. II. Bd. 1